Jeder Mensch kann an sich erfahren, daß Blau vorm Auge zurückweicht und die Räume weiter macht, daß Rot oder Gelb vordringen und die Räume verengern, daß Gelb im helleren Ton geistig ermuntert, während Grün angenehm dämpft. Diese Einwirkungen gehen bis ins Verschwiegene, bis ins Unbewußte; darum müssen wir die Farben in unserm Heim prüfen, ehe wir uns ihnen dauernd ausliefern. Wilhelm Michel… weiterlesen

Die Farben, die der Grauwinter vergaß,Kommen vom Berg herüber über die Straß’:Das Grasgrün und das Rot von Ziegeln sommerheiß,Das Himmelblau und gezupfter Wolken Daunenweiß.Ländlich gekleidet, wie aus Bauernschränken und Truhen,Geht der Frühlingstag auf frischen staublosen Schuhen,Geht gedankenlos alter Sitte und alten Wegen nach;Schnellt die flugfrohen Schwalben wieder über das Dach,Lässt kleine fiebernde Lerchen singen und ruft Herzfarben wach. Max Dauthendey… weiterlesen

Das ist des Schicksals höchstes Schenken,Des Lebens innerster Genuß,Daß wir im reichen ÜberflußNicht an den trüben Tag stets denken,Da aller Glanz verdämmern muß. Daß wir durch frohe Tage schreiten,Wo heiß das Leben uns umloht,Nur Blüten blicken, leuchtend rotUnd nicht die wetterdunklen WeitenVoll Klage, Sorge, Not und Tod… Stefan Zweig… weiterlesen

Sieh, das ist es, was auf ErdenJung dich hält zu jeder Frist,Daß du ewig bleibst im Werden,Wie die Welt im Wandeln ist. Was dich rührt im Herzensgrunde,Einmal kommt’s und nimmer so;Drum ergreife kühn die Stunde,Heute weine, heut sei froh! Gib dem Glück dich voll und innig,Trag es, wenn der Schmerz dich preßt,Aber nimmer eigensinnigIhren Schatten halte fest. Heiter senke, was vergangen,In den Abgrund jeder Nacht!Soll der Tag dich frisch empfangen,Sei getreu, doch neu, erwacht. Frei… weiterlesen

Irgendwo blüht die Blume des Abschiedsund streut immerfort Blütenstaub den wiratmen herüber, und auch noch imkommendsten Wind atmen wir Abschied. Rainer Maria Rilke… weiterlesen

Lichter und Schatten im Wechseltanzgaukeln über die goldenen Ähren.Roter Mohn in leuchtendem Glanzträumt von wundersamen Mären.Blühendes Leben in weiter Rund’.Aber tief im Halmengrundklingt wie Sensenschlag ein Ton:Morgen schon,morgen! Jakob Loewenberg… weiterlesen

Zerstoben sind die Wolkenmassen,Die Morgensonn’ ins Fenster scheint:Nun kann ich wieder mal nicht fassen,Daß ich die Nacht hindurch geweint.Dahin ist alles, was mich drueckte,Das Aug ist klar, der Sinn ist frei,Und was nur je mein Herz entzückte,Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.Es grüßt, es nickt; ich steh’ betroffen,Geblendet schier von all dem Licht :Das alte, liebe, böse Hoffen –Die Seele läßt es einmal nicht. Theodor Fontane… weiterlesen

Die Erinnerung an eine alte Liebe erwacht gar schnell, wenn man sich in der Nähe des Wesens befindet, das sie einst in uns entzündete, die Begierden werden unwiderstehlich, wenn die Illusion nicht durch die Abwesenheit aller Reize gestört wird. Giacomo Girolamo Casanova… weiterlesen

Dir wird ängstlich beim Gedanken an den Tod? Ich habe nur entsetzliche Angst vor Schmerzen. Das ist ein schlechtes Zeichen. Den Tod wollen, die Schmerzen aber nicht, das ist ein schlechtes Zeichen. Sonst aber kann man den Tod wagen. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden, hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche. Franz Kafka… weiterlesen

An die Eltern, Kierling, Sanatorium Dr. Hoffmann, 2. Juni 1924 Liebste Eltern, also die Besuche, von denen Ihr manchmal schreibt. Ich überlege es jeden Tag, denn es ist für mich eine sehr wichtige Sache. So schön wäre es, so lange waren wir schon nicht beisammen, das Prager Beisammensein rechne ich nicht, das war eine Wohnungsstörung, aber friedlich paar Tage beisammenzusein, in einer schönen Gegend, allein, ich erinnere mich gar nicht, wann das eigentlich war, einmal… weiterlesen