Was half es da, daß ich manchen Morgen froher aufstand und hinausging mit mehr Muth und eines ruhigen tüchtigen Tages fähig…. Einmal, (es war ziemlich früh am Tage) kam ich so den Boulevard St. Michel herunter, in der Absicht nach der National-Bibliothek zu gehen, wo ich viel Zeit zu verbringen gewohnt war. Ich ging und freute mich an allem was der Morgen und der Anfang eines neuen Tages sogar in der Stadt verbreitet an Frische, Helligkeit und Muth. Das Roth an den Wagenrädern freute mich, das feucht und kühl war wie auf Blumenblättern, und es freute mich, daß irgendwo am Ende der Straße jemand etwas Lichtgrünes trug, ohne daß ich daran dachte was es wohl wäre. Langsam fuhren die Wasserwagen bergan und das Wasser sprang jung und licht aus ihren Röhren und machten den Weg dunkel, so daß er nichtmehr blendete. Pferde kamen vorbei in schimmernden Geschirren und ihre Hufe schlugen auf wie hundert Hämmer. Anders klangen die Rufe der Händler: stiegen leichter auf und hallten hoch nach. Und das Gemüse auf ihren Handwagen bewegte sich wie ein kleines Feld und hatte einen eigenen freien Morgen über sich und in sich Dunkelheit, Grüne und Thau. Und wenn es still war einen Augenblick, so hörte man über sich das Geräusch von Fenstern, die aufgestoßen wurden…

Rainer Maria Rilke an Lou Andreas-Salomè, Juli 1903, Worpswede bei Bremen