
Duino, Nabresina, Littoral Autrichien, am 14. Dezember 1911
Meine liebe, gnädigste Frau,
seit ich hier bin (sieben Wochen sind es dem Kalender nach), steht Ihr Name auf meiner Briefliste, es ist recht beschämend für mich, daß Sie mir zuvorgekommen sind.
Bei meiner Säumigkeit wird das sich vielleicht noch manchmal wiederholen, nur dürfen Sie dann nicht dem Verdacht nachgeben, ich könnte Sie vergessen haben. Völlig nicht, Sie haben gefühlt im Herbst, wie gern ich bei Ihnen war, und dabei bleibts, auch im Geiste, auch in Gedanken.
Ich stell es mir schön vor, bei Ihnen, mit Ihnen in ein neues Jahr hinüber zu kommen; man kommt mit Ihnen so oft ins Neue, auch mitten im Jahr, so dass die Bewegungen sich summieren würden und wir, wie durch Stromschnellen, durch die besondere Mitternacht glitten, die die Sache entscheidet.
Rainer Maria Rilke an Elsa Bruckmann