13Jan/08

Der Baum


… und wieder sah er einen Baum, der war zugleich Sonne und Mond.
Sprach Piktor: „Bist du der Baum des Lebens?“ Die Sonne nickte und lachte, der Mond nickte und lächelte. Die wunderbarsten Blumen blickten ihn an, mit vielerlei Farben und Lichtern, mit vielerlei Augen und Gesichtern. Einige nickten und lachten, einige nickten und lächelten, andere nickten und lächelten nicht: sie schwiegen trunken, in sich selbst versunken, im eigenen Duft ertrunken. Eine sang das Lila-Lied, eine sang das dunkelblaue Schlummerlied. Eine von den Blumen hatte große blaue Augen, eine andere erinnerte ihn an seine erste Liebe. Eine roch nach dem Garten der Kindheit, wie die Stimme der Mutter klang ihr süßer Duft. Eine andere lachte ihn an und streckte ihm eine gebogenen rote Zunge entgegen. Er leckte daran, es schmeckte stark und wild, nach Harz und Honig und auch nach dem Kuss einer Frau.
Hermann Hesse (Piktors Verwandlungen)

11Jan/08

Kindheit


Ein Stück Kindheit, das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verlorengeht, ist der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihre Ursachen, die Sehsucht nach Harmonie und sicherem geistigen Besitz. Viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über die Jugend hinaus in sich bewahrten.

Der Mensch erlebt das, was ihm zukommt, nur in der ersten Jugend in der ganzen Schärfe und Frische, so bis zum dreizehnten, vierzehnten Jahr, und von dem zehrt er ein sein Leben lang.
Hermann Hesse

10Jan/08

Fighting For A Lost Cause


And there it is, as pure as snow – I couldn’t see it for my head was too low
And prying eyes, they stoop too low, poisoning my soul, as sanity waits in the gallows
Defeated I, fighting for a lost cause, depleted I, dying for the wrong cause
These are the hours on the range – the more you show them, the more they choose to take away
Some things never change in the wings and as it’s your war, there’ll be no escape at all.
ANTIMATTER, Fighting For A Lost Cause

Dass jede Liebe ihre tiefe Tragik hat, ist doch kein Grund nicht mehr zu lieben. [HERMANN HESSE]

09Jan/08

Untergrundbahn

Langsam flüchtend unter die Erde
kalte, glatte Treppen führen weg vom Tageslicht
und da ist er – dieser Geruch – unverändert seit Jahrzehnten
unverändert – dieser Luftzug, dieses Gefühl
steigt in dir auf.

„ZURÜCKBLEIBEN“ –
Türen krachen zusammen, Blicke weichen aus
stumpfe Blicke, Augenkontakte meidend
ins Nichts, in sich selbst.
Musik im Ohr, Augen schliessen, Musik im Körper, wegträumen

Erinnerungen, Gefühle

kalte, glatte Treppen führen hinauf in die Morgensonne
blendendes Licht, kalte Luft schlägt ins Gesicht
unverändert – diese Sonne, dieses Gefühl
Wärme im Gesicht zu spüren.

08Jan/08

Jahresringe

Blicken wir auf die Jahresringe, die Abfolge der hellen und dunklen Streifen, jedes Jahr hinterlässt seine Spuren – einen hellen Streifen im Sommer, einen dunklen im Winter. Es geht gar nicht ohne! Der Baum kann das Jahr nicht durchleben, ohne dass es in ihm Spuren in Form der Jahresringe hinterlässt.
Erfahrene Menschen können die Jahresringe lesen: erkennen, in welchen Jahren der Baum unter einer Dürre litt, ob Krankheiten ihn geschwächt haben oder ob ein Waldbrand ihn geschädigt hat. Diese Erfahrungen des Baumes werden zu seiner inneren Substanz – sie gehören unwiderruflich zu ihm und seinem Leben.
Wir als Menschen durchleben auch Jahr für Jahr – und auch das Leben hinterlässt Spuren, sichtbare und unsichtbare. Manchmal kann man an den Gesichtern der Menschen einiges ablesen – wie bei Jahresringen. Manchmal hat man den Eindruck, man sieht es jemandem an, dass er ein Leben lang gearbeitet hat , ein Leben lang viel geraucht und getrunken hat.
Vieleicht ist es beim Menschen ähnlich wie beim Baum: Ein Jahresring entsteht dadurch, dass sich etwas im Leben verändert.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
Rainer Maria Rilke

07Jan/08

flying…


If the words I’ve ever wrote on the backs of envelopes
I could fold to paper planes
I would fly them thru your veins
Helicopters overhead Wide awake at 3am
Now the ink runs to your heart and you know just how I feel

Flying over bus stops and playgrounds
I’m here, soaked right to the core
Stay here forever, I’m safe with you.
Athlete

04Jan/08

Sterne


STERNE – Ihre unveränderte Wiederkehr hatte etwas Beruhigendes, Sterne waren tröstlich, fern zwar und kalt standen sie dort oben, keine Wärme strahlend, aber zuverlässig, fest gereiht, Ordnung verkündend, Dauer versprechend. Dem Leben auf Erden, dem Leben der Menschen anscheinend so fremd und fern und entgegengesetzt, so unrührbar von seiner Wärme, seinen Zuckungen, Leiden und Extasen, ihm mit ihrer vornehm kalten Majestät und Ewigkeit so bis zum Spott überlegen, waren die Sterne dennoch in Beziehung zu uns, leiteten und regierten uns vielleicht, und wenn irgendein menschliches Wissen, ein geistiger Besitz, eine Sicherheit und Überlegenheit des Geistes über das Vergängliche erreicht und festgehalten wurde, so glichen sie den Sternen, strahlten wie sie in kühler Ruhe, trösteten mit kühlem Schauer, blickten ewig und etwas spöttisch.
Hermann Hesse, Glasperlenspiel

02Jan/08

Zum Neuen Jahr


Ein neues Buch, ein neues Jahr
was werden die Tage bringen?
Wirds werden, wie es immer war,
halb scheitern, halb gelingen?
Ich möchte leben, bis all dies Glühn
rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm im Kamin,
die eben zu Asche gesunken.
Theodor Fontane

01Jan/08

Neujahr

Wünsche zum Neuen Jahr
Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit. Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid.
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass. Ein bisschen mehr Wahrheit das wäre was.
Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh. Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du.
Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut. Und Kraft zum Handeln, das wäre gut.
In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht. Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht.
Und viel mehr Blumen, solange es geht. Nicht erst an Gräbern, da blühn sie zu spät.

Ziel sei der Friede des Herzens, besseres weiss ich nicht.
Peter Rosegger

31Dez/07

Silvester


Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar. Ist gar nicht sehr gesund. Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund. Ist viel geschehn. Ward viel versäumt. Ruht beides unterm Schnee. Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt. Und Wehmut tut halt weh.
Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin. Nichts bleibt. Und nichts vergeht. Ist alles Wahn.
Hat alles Sinn. Nützt nichts, daß man’s versteht.
Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt, wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht: „Das Jahr kennt seinen letzten Tag, und du kennst deinen nicht.“

Erich Kästner