19Mrz/08

Wer darf ihn nennen?


Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen: Ich glaub‘ ihn?
Wer empfinden und sich unterwinden
Zu sagen: Ich glaub‘ ihn nicht?
Der Allumfasser, der Allerhalter,
Fasst und erhält er nicht Dich, mich, sich selbst?
Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau‘ ich nicht Aug‘ in Auge dir,
Und drängt nicht alles nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll‘ davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn‘ es dann, wie du willst, nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.
Goethe, Faust I, Marthens Garten (Gretchenfrage)

18Mrz/08

Erhabner Geist


Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, warum ich bat.
Du hast mir nicht umsonst dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst mich dann mir selbst,
und meiner eignen Brust geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond besänftigend herüber,
schweben mir von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
O dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind’ ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu nichts
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml’ ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.
Goethe, Faust I, Wald und Höhle

17Mrz/08

Nacht


Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag‘ ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tönt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuss
Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuss;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt‘ ich mir eine Welt entstehn.
Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun mit kindlichem Gefühle
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!
Goethe, Faust I, Nacht

16Mrz/08

Birke


Eines Dichters Traumgerank mag sich feiner nicht verzweigen,
leichter nicht dem Winde neigen, edler nicht ins Blaue steigen.
Zärtlich, jung und überschlank lässest du die lichten,
langen Zweige mit verhaltnem Bangen jedem Hauche regbar hangen.
Also wiegend leis und schwank willst du mir mit deinen feinen Schauern
einer zärtlich reinen Jugendliebe Gleichnis scheinen.
Hermann Hesse, Die Birke

16Mrz/08

Faustus

Wie vor genau einem Jahr setze ich mich zur Zeit wieder sehr intensiv mit Goethes Faust (Teil I & II) auseinander.

Passend zu diesem kleinem Projekt folgt nun in der kommenden Woche jeden Tag ein [mich bewegendes] Wort aus dem «FAUST».

15Mrz/08

Frühling


In dämmrigen Grüften träumte ich lang von deinen Bäumen und blauen Lüften,
von deinem Duft und Vogelsang.
Nun liegst du erschlossen in Gleiß und Zier, von Licht übergossen wie ein Wunder vor mir.
Du kennest mich wieder, du lockest mich zart,
es zittert durch all meine Glieder,
deine selige Gegenwart!
Hermann Hesse

14Mrz/08

zu viel zum Aufschreiben

NEIN,
zu viel zum Aufschreiben,
zu viele Gedanken, so dass der Kopf fast platzt.

Und dann noch diese Musik –
wie die Streicher an der Seele ziehen, reißen –
wie der Hammer des Flügels am Herz anschlägt, durchbricht
wie es schmerzt, dieser Schlag – dieser ohnmächtige Flügelschlag,
die Augen aufschlagend [eyes wide open],
diese unendliche Tiefe, von der Iris umgeben, dieses Schwarz.

Und dann noch diese Gedanken –
wie die Bilder an der Seele ziehen, reißen –
wie die Szenen das Herz aufreißen, durchbrechen
wie es schmerzt, dieser Gedanke – dieses ohnmächtige Verlangen,
die Augen aufschlagend [eyes wide open],
diese unendliche Tiefe, von der Iris umgeben, dieses Schwarz.

Und dann noch dieses Gefühl –
wie die Empfindungen an der Seele ziehen, reißen –
wie das Herz aufgeht, durchbrochen wird
wie es schmerzt, dieses Gefühl – diese ohnmächtige Ergebenheit,
die Augen aufschlagend [eyes wide open],
diese unendliche Tiefe, von der Iris umgeben, dieses Schwarz.

11Mrz/08

Ripples

Engel wissen nie, wann die Zeit gekommen ist das Buch zu schließen und sich mit Anmut zurückzuziehen, dieses Lied ist zur Legende geworden.
Oh Mann, was für ein misstrauischer Tümpel sie nur ist.

Das Gesicht im Wasser blickt auf und sie schüttelt den Kopf,
als ob sie sagen wollte: Die Bluegirls sind alle fortgegangen.
Treib fort, fort, kleine Wellen kehren nie zurück, sie zogen zur anderen Seite.
Sieh‘ in den See, tauche hinunter auf den Grund und komm an die Oberfläche,
halt Ausschau, wohin sie gezogen sind, sie zogen zur anderen Seite.

Genesis, The Ripples

10Mrz/08

Wolken


Sieh diese Wolkenlandschaft mit ihren Himmelsstreifen! Beim ersten Blick möchte man meinen,
die Tiefe sei dort, wo es am dunkelsten ist, aber gleich nimmt man wahr, dass dieses Dunkle
und Weiche nur die Wolken sind und dass der Weltraum mit seiner Tiefe erst an den Rändern
und Fjorden dieser Wolkengebirge beginnt und ins Unendliche sinkt, darin die Sterne stehen,
feierlich und für uns Menschen höchste Sinnbilder der Klarheit und Ordnung.
Nicht dort ist die Tiefe der Welt und ihrer Geheimnisse, wo die Wolken und die Schwärze sind,
die Tiefe ist im Klaren und Heiteren.
Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel

09Mrz/08

Unter Misteln

Zwischen kahlen Zweigen –
unter Misteln…
Weiße Druiden schneiden mit goldenen Sicheln –
Gebt acht! – dass sie den Boden nicht berühren.
Die mussten von den Göttern gesandt sein…
Träume vom Tod, Baldur – noch träume –
Gott der Sonne, des reinen Lichtes, des Frühlings, des Guten und der Gerechtigkeit.
Füge dich der blinden Hand Hödurs, den Mistelzweig schwingend und stürze.
falle –
unter Misteln…