28Mrz/08

Lindenberg

Unvorstellbar – was Musik bewegt. Ich war unheimlich skeptisch, befangen – aber neugierig. Gerade heute kam es heraus, das neue Album Lindenberg-Album. Und seit 14 Uhr läuft es ununterbrochen. Warum ist das so, warum schafft es dieser Kerl immer wieder? Und wie?
Ein paar Akkorde und schon sind sie wieder da – die Bilder, die Szenen. Es hat sich so vieles geändert – und doch nicht ein bisschen. Ein Stückchen Leben zieht vorbei – mein Gott, 25 Jahre und doch ist es so präsent, als wenn es gerade erst gestern war.

Dieser Wechsel (im Kopf, im Gefühl) – nach 3 Wochen wechsle ich die CD – von Goethes Faust zu Lindenberg. Und doch, wie die Gefühle sich gleichen. Hatte ich letzte Woche täglich den Faust, so soll es die nächste Woche der Lindenberg sein. Mal sehen, wie es mir gelingt – es wird weit zurück gehen. Probieren wir es…

26Mrz/08

Nach Ostern

Ja, ich weiß – Ostern ist vorbei. Doch noch ist es im Kopf und beim Lesen bin ich auf das Foto von Anton Funzel gestoßen. Und sofort hat es mich gefesselt, hat mich zutiefst berührt – dieses Foto möchte ich auch gern machen – was für eine Aufnahme!
Aber es geht nicht nur um das Technische, es geht um die Gedanken, die Verknüpfungen. Es ist noch zu frisch – Karfreitag ist doch gerade erst vorbei – aber nach fünf Tagen ist doch nicht alles aus dem Sinn… die Bilder stecken noch zu tief. Es geht um mehr als um dieses Bild, es geht um sehr viel mehr. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dieses Foto machen möchte – weil ich dort sein will – unter den Kreuzen – es geht um den Blickwinkel, die Perspektive. Und es geht um das Gefühl.

…dabei ist es gar nicht so schwierig – der Kreuzberg ist nur etwa 1 ½ Autostunden von uns entfernt. Und wie viele Stunden im Leben?

25Mrz/08

schon wieder Schnee


Es muss doch Frühling werden
und dräut der Winter noch so sehr mit trotzigen Gebärden,
und streut er Eis und Schnee umher, es muss doch Frühling werden.
Blast nur, ihr Stürme blast mit Macht, mir soll darob nicht bangen,
auf leisen Sohlen über Nacht kommt doch der Lenz gegangen.
Da wacht die Erde grünend auf, weiss nicht, wie ihr geschehen,
und lacht in den sonnigen Himmel hinauf, und möcht´ vor Lust vergehen.
Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar und schmückt sich mit Rosen und Ähren,
und lasst die Brünnlein rieseln klar, als wären es Freudenzähren!
Drum still und wie es gefrieren mag, o Herz gib dich zufrieden,
es ist ein großer Maientag der ganzen Welt beschieden.
Und wenn dir oft auch bangt und graut, als sei die Höll auf Erden:
Nur unverzagt auf Gott gebaut, es muß doch Frühling werden.
Emanuel Geibel

24Mrz/08

Ostermontag


Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, sodass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? …
[Lukas, 24]
Kein Gang nach Emmaus – stattdessen wandern wir von Laudenau nach Winterkasten – und zurück – durch den tiefen Schnee. Die Sonne kämpft gegen die grauen Wolken, die noch mehr Schnee in sich tragen. Manchmal gewinnt sie. Dort, wo sich schon erste Spuren des Frühlings zeigten, wo es zartgrün zu leuchten begann – ist es nun wieder weiß. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln und in der Ferne hört man die Glocken läuten. Noch ist Ostern. Vor lauter Schnee ist es manchmal schwer, den Weg zu finden und so folgen wir den Spuren. Wir verlassen uns darauf, vertrauen und treten in die Fußstapfen der vor uns Gelaufenen.

Wo ist die Verbindung zu Emmaus, was geschah mit den Jüngern und dem noch verborgenen Jesus? Das Vertrauen? Hatten sie nicht daran geglaubt, was er ihnen noch 5 Tage zuvor gepredigt hatte? Was er ihnen längst angekündigt hatte, was sie aber weder verstehen noch akzeptieren hatten können, das war jetzt da – in diesem Augenblick. Dort wo es zu leuchten begann, war es nun wieder dunkel. Noch war es die Trauer und die bittere Enttäuschung – aber am Ende des Weges, in Emmaus, als sie am Tisch sitzen und Jesus das Brot brach, da geht ihnen ein Licht auf, gehen ihnen die Augen auf. Und plötzlich geht es wieder vorwärts, ist es wieder da – das Vertrauen.

Hermann Hesse hat es so gesagt: Ich bin oft müde und ohne Glauben, ohne Freude und ohne Mut, aber ich glaube, man muss diese Zustände nicht eigentlich bekämpfen, sondern sich ihnen überlassen: einmal weinen, einmal gedankenlos brüten – und nachher zeigt sich, dass inzwischen die Seele doch gelebt hat und irgendetwas in einem vorwärts gegangen ist.

Diese Geschichte von den beiden Emmausjüngern bestärkt in dieser Erfahrung – einzigartig und manchmal unfassbar für den Verstand und doch unglaublich gut für das Gefühl.

23Mrz/08

Ostersonntag

Warum jetzt Supertramp – warum jetzt «It’s a Long Way Home» – In unserem Glaubensbekenntnis klingt das ganz einfach: Hinab gestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel – fertig. So hatte Jesus es ja auch mehrfach angekündigt! Doch wie man unten lesen kann, war es ein weitaus schwierigerer, langwieriger, leidensvollerer Weg dahin.
Ostern – die Höhle, das Grab ist zwar leer, Maria hat es auch schon zwei Jüngern erzählt, und die laufen um die Wette zum leeren Grab. The Long Way Home – hier scheint er noch sehr kurz und schon stockt die Geschichte. Der eine Jünger ist zuerst am Grab, traut sich jedoch nicht hinein; Petrus kommt später und läuft gleich ins Grab; da traut sich auch der andere Jünger hinein – und nun endlich fängt EINER, nämlich dieser namenlose Jünger, an zu glauben. The Long Way Home – der lange Weg bis Ostern – ist ER endlich im Glauben an sein Ziel gekommen?
Es ist noch ein elend weiter Weg bis Ostern …

angelehnt an Christian Hartung more…

22Mrz/08

Triduum Sacrum III – Karsamstag

Wie Jesus wirklich starb

Es ist der 9. Nisan des jüdischen Kalenders, das 17. Jahr der Herrschaft des römischen Kaisers Tiberius – Sonntag, der 2. April des Jahres 30. An diesem Tag erreicht Jesus von Nazareth ein Rasthaus in Bethanien, östlich hinter dem Ölberg, knapp drei Kilometer von Jerusalem entfernt. Am 5. April des Jahres 30, drei Tage nach dem Passieren der Stadtgrenze, provoziert Jesus im Tempel, dem Allerheiligsten des jüdischen Volkes, einen Aufruhr. Dort stößt er die Buden und Tische der Händler und Geldverleiher um. Niemand weiß, wie viele von ihnen er ins Chaos stürzt und wie er aus dem Aufruhr aus umherirrenden Tieren, fluchenden Händlern und zornigen Pilgern wieder entkommt.

Eine Tat, welche von den Priestern nicht ignoriert werden kann. Jesus wird urplötzlich zur Gefahr für die Sadduzäer. Erst mit diesem Akt kaum 48 Stunden vor Beginn des Passahfestes macht er sich den Hohepriester Kaiphas zum Todfeind. Kaiphas und Pilatus sind ein seit Jahren eingespieltes, machtbewusstes Tandem. Kaiphas hat das höchste religiöse Amt seit zwölf Jahren inne. Pontius Pilatus ist seit dem Jahr 26 Praefectus Iudaeae. Nach dem Affront im Tempel wird es wohl Kaiphas sein, der Jesus ausschalten will. Todesurteile aber kann nur Pilatus verkünden. Wieso Jesus nicht sofort verhaftet wird, ist nicht klar. Klar scheint nur zu sein, dass Jesus im Angesicht des Todes seine Jünger auf einen Bund einschwört und ihnen die baldige Herrschaft Gottes voraussagt. Klar ist zudem, dass Jesus nicht einen Augenblick daran denkt, nach Galiläa zurückzukehren und dort abzuwarten, bis sich die Aufregung in Jerusalem gelegt hat. Stattdessen geht er noch einmal in den Garten Gethsemane im Kidrontal östlich des Tempels, um zu beten. Dort wird er von einem Trupp der Tempelpolizei verhaftet. Es ist Mitternacht. Noch 15 Stunden.

Der Gefangene wird sofort zu Kaiphas geschleppt. Doch das Synhedrion darf in Kapitalverbrechen keine Urteile sprechen. Also lässt der Hohepriester eine Anklageschrift vorbereiten. Ein paar Stunden später wird Jesus von der Tempelpolizei vermutlich zum Herodes-Palast am heutigen Jaffa-Tor geschleppt, wo Pilatus residiert. Der Vorwurf in der Anklageschrift ist nicht religiöser, sondern politischer Natur: Aufruhr gegen Rom. Die römischen Magistrate sitzen meist am frühen Morgen zu Gericht. Also wird auch Jesus wohl schon beim ersten Dämmerlicht gefesselt vor Pilatus stehen. Er spricht Jesus wohl der seditio (des Aufruhrs) oder der perduellio (des schweren Landfriedensbruches) schuldig. In jedem Fall wird der letzte Satz, den Jesus von Pilatus vernimmt, die Formel gewesen sein: „Du wirst das Kreuz besteigen.“ Jesus wird danach sofort, wie es römischer Brauch ist, von den Soldaten des Exekutionskommandos abgeführt. Sie dürfen seine Kleidung behalten; sie verspotten den Verurteilten; sie geißeln ihn mit dem horribile flagellum – einem Lederriemen, der mit Knochenstücken, Stacheln oder Bleiklumpen bestückt ist und tiefe Wunden reißt.

Blutüberströmt und nackt wird er anschließend, mit zwei weiteren Verurteilten, durch die Gassen Jerusalems getrieben. Er trägt den Kreuzbalken. Vor ihm hat ein Soldat den titulus aufgepflanzt, jenes Schild, auf dem das Verbrechen des Delinquenten verkündet wird: INRI, „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Vom Palast wird es wohl durch die Oberstadt gehen, hinaus am Gennath-Tor beim Hippikus-Turm, bis nach Golgatha, der „Schädelstätte“ – einer Hügelkuppe inmitten eines alten Steinbruchs nördlich der Stadt. Es ist, berichtet Markus, etwa 9 Uhr morgens, als Jesus ans Kreuz genagelt wird. Der Todeskampf – jenes verzweifelte Wechselspiel von Erschöpfung, die den Körper nach unten sacken lässt, und Ersticken, das ihn sich wieder aufbäumen lässt – kann stunden-, manchmal tagelang dauern. Jesus hält sechs Stunden durch. Maria Magdalena und andere Frauen aus seiner Anhängerschaft sind die einzigen Gläubigen, die bis zuletzt bei ihm sind. Sie sind es auch, die Jesus plötzlich rufen hören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist kein Zeichen der Verzweiflung, sondern der Anfang des Psalms 22, eines jüdischen Sterbegebets. Doch ihm fehlt schon die Kraft, um es noch zu vollenden. „Aber Jesus schrie laut und verschied“, berichtet Markus lakonisch. Es ist ungefähr 15 Uhr am 7. April 30.

Text von Cay Rademacher [GEO, ungekürzter Text]

21Mrz/08

Triduum Sacrum II – Karfreitag


Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.
So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
Es duftet Tod und duftet Fest.
Baumknospen stehn von Tränen blind,
Der Himmel hängt so bang und nah,
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane und Golgatha.
Hermann Hesse, Karfreitag

20Mrz/08

Triduum Sacrum I – Gründonnerstag


Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen
Verkünden schon die feierlichste Stunde;
Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
Das später sich zu uns hernieder wendet.
Jetzt zu der Alpe grün gesenkten Wiesen
Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet,
Und stufenweis herab ist es gelungen –
Sie tritt hervor! – Und, leider schon geblendet,
Kehr’ ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
Erfüllungspforten findet flügeloffen;
Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
Ist’s Lieb’? Ist’s Hass? Die glühend uns umwinden,
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,
So dass wir wieder nach der Erde blicken,
Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
Goethe, Faust II, 1. Akt, Anmutige Gegend

19Mrz/08

Wer darf ihn nennen?


Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen: Ich glaub‘ ihn?
Wer empfinden und sich unterwinden
Zu sagen: Ich glaub‘ ihn nicht?
Der Allumfasser, der Allerhalter,
Fasst und erhält er nicht Dich, mich, sich selbst?
Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau‘ ich nicht Aug‘ in Auge dir,
Und drängt nicht alles nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll‘ davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn‘ es dann, wie du willst, nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.
Goethe, Faust I, Marthens Garten (Gretchenfrage)

18Mrz/08

Erhabner Geist


Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, warum ich bat.
Du hast mir nicht umsonst dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst mich dann mir selbst,
und meiner eignen Brust geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond besänftigend herüber,
schweben mir von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
O dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind’ ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu nichts
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml’ ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.
Goethe, Faust I, Wald und Höhle