Das Schneiderkreuz zeigt einen lahmen Schneider, der hier im 17. Jahrhundert umkam, woran dies Sühnekreuz erinnert.

Wegen der Unebenheit des Felsens sind die Beine der Figur unterschiedlich lang dargestellt, was – in Verbindung mit der als Nadel und Faden gedeuteten Rille auf dem Kreuz – zur volkstümlichen Überlieferung des “lahmen Schneiders” führte. Die Zeichen auf Kreuz und Sockelfels werden von Azzola als Waidmesser (= Zeichen eines Jägers oder Jagdgehilfen) gedeutet. Bei dem Kreuz ist demnach der Fuß abgebrochen; es wurde falsch herum auf den Sockel gestellt. Seit Werner Hardes über den sogenannten Lahmen Schneider 1953 zum ersten Male berichtete, haben sich zahlreiche Abhandlungen mit dem Kreuz, vor allem aber mit der eigenartigen Zeichnung des Sockelsteines befaßt. An Deutungsversuchen hat es nicht gefehlt, eine klare Aussage aber fehlt bisher.
Das Kreuz steckt lose in einem unbearbeiteten Felsblock, der nur oben eine Öffnung zur Aufnahme des Kreuzes hat. Auf der Talseite des Steines ist recht primitiv eine menschliche Figur eingeritzt, deren Gesicht dem Beschauer zugewandt ist, aber beide Füße sind nach rechts gedreht. Der rechte Arm scheint in die Hüfte gestützt, während der linke offenbar einen Gegenstand umfaßt, der auf den Mann einzudringen scheint. Wegen einer Unebenheit im Stein ist das linke Bein kürzer als das rechte. Zwei weitere Zeichnungen auf dem Stein sind ebensowenig zu deuten wie das Attribut des Kreuzes. Bei der Darstellung auf dem Sockelstein handelt es sich offenbar um die Darstellung eines Geschehens, bei dem der Stifter, von einem Gegenstand getroffen, getötet wird. Solche szenischen Darstellungen finden sich zuweilen auf Flurdenkmälern, z.B. in Ziegelhausen, wo der Stifter von einem Baum stürzend abgebildet ist. In denkmalkundicher Sicht sind sie eine Fortentwicklung der figürlichen Darstellung des Toten.
Die Zeichnung auf dem Block ist heute uns nicht mehr verständlich. Sie führt daher zu manchen Fehlinterpretationen. Hardes berichtet, daß er den Mann, der ihn auf das Kreuz aufmerksam machte, nur mit Mühe bewegen konnte, ihm den Stein zu zeigen. Die Scheu vor dem geheimnisvollen Stein war nur schwer zu überwinden. Hardes konnte folgende Sage in Erfahrung bringen: “Es war einmal ein lahmer Schneider, der hat auf den Almen bei Ober-Ostern gewohnt. Einmal hat er für eine Frau in Hiltersklingen ein Leibchen gemacht. Wie er fertig war, lieferte er es ab und erhielt auch sein Geld. Auf dem Heimweg benutzte er eine Abkürzung durch den Fürther Centwald. Da ist auf einmal einer aus dem Wald gekommen und hat ihn totgeschlagen. Der Täter ist nie gefunden worden.”

Diese Sage ist durch das Bild auf dem Stein entstanden. In dem materialbedingt verkürzten linken Bein sieht der Volksmund die Verkrüppelung des Mannes und deutet zusätzlich die anderen Attribute als Schneidergeräte (Nadel und Zwirn). In den Kirchenbüchern von Güttersbach ist im Dreißigjährigen Krieg ein Mann namens Jeckel erwähnt, der den Beinamen “Lahmer Schneider” führte. Daß die Erinnerung an diesen Mann sich im Volke so lange gehalten hat, trotz des Aussterbens der gesamten Altbevölkerung des Marbachtales, ist recht unwahrscheinlich.
Das Kreuz ist plump gearbeitet und paßt zu der rohen Zeichnung. Der obere Kreuzbalken ist ausgebrochen. Manchmal wurde aus der unterschiedlichen Verwitterung von Kreuz und Sockelstein auf verschiedene Entstehungszeiten geschlossen. Hierbei muß man bedenken, daß der Sockelstein völlig unbearbeitet ist, während das Kreuz auch heute noch deutliche Spuren der Oberflächenbearbeitung aufweist. Der Felsblock in der Hanglage seines Standortes ist seit Jahrtausenden vom Schmelz- und Regenwasser überspült worden und im Winter von Schnee und Eis bedeckt, während diese zerstörenden Kräfte das sich weit über das Niveau des Abhanges hebende Kreuz nicht erreichen. Nahe bei dem Steinkreuz finden sich Reste einer alten Kohlplatte. Das Kreuz selbst sehen wir im Zusammenhang mit der alten Hohen Straße vom Neckar nach Norden, die wir schon mehrfach anhand von Flurdenkmälern verfolgt haben.

Quelle: http://www.suehnekreuz.de/hessen/fuerth.htm