November-Rose

Montag, 30. November 2015

15november030

Sag mir blasse Rose dort
Was stehst du noch an so trübem Ort?
Schon senkt sich der Herbst am Zeitenhebel
Schon zieht an den Bergen Novembernebel.
Was bleibst du allein noch blasse Rose?
Die letzte deiner Gefährten und Schwestern
fiel tot und zerblättert zur Erde gestern und liegt begraben im Mutterschoße…
Ach mahne mich nicht dass ich mich beeile!
Ich warte noch eine kleine Weile.
Auf eines Jünglings Grab ich stehe: Er vieler Hoffnung und Entzücken
Wie starb er? Warum? Gott es wissen mag!
Eh ich verwelke eh ich vergehe
Will ich sein frisches Grab noch schmücken am Totentag.

Stefan George

 

Erster Advent

Sonntag, 29. November 2015

15november029

Die Blumen sind verblüht im Tal, die Vöglein heimgezogen;
Der Himmel schwebt so grau und fahl, es brausen kalte Wogen.
Und doch nicht Leid im Herzen brennt: Es ist Advent!
Es zieht ein Hoffen durch die Welt, ein starkes, frohes Hoffen;
das schließet auf der Armen Zelt und macht Paläste offen;
das kleinste Kind die Ursach kennt: Es ist Advent!
Advent, Advent, du Lerchensang von Weihnachts Frühlingstunde!
Advent, Advent, du Glockenklang vom neuen Gnadenbunde!
Du Morgenstrahl von Gott gesendt! Es ist Advent!

Friedrich Wilhelm Kritzinger

 

November

Samstag, 28. November 2015

15november028

Grau verwirrt der leere Wald.
Mit tausend blauglühenden Ätheraugen,
Hoch durch schwarzen Fichtenbehang,
Irren Heere blauer gigantischer Blüten.
Von fremden Dolden,
Niemand hat je sie belauscht,
Blüht jeder Morgen im Grase
Eisiger Samen.
Graue Frauen,
Die lautlos im Reigen kamen,
Sind lautlos gegangen.
Der Bleichen Juwelen
Strahlende Fäden
Irisgrün, irisgolden,
Hangen an allen Zweigen.
In nackten Kronen singen
Wachszarte Ströme der Sonne.
Um bloße Säulen,
Auf weißen Schwingen kreist
Einäugig ein Aar,
Das Schweigen.

Max Dauthendey

 

Nebeltag

Freitag, 27. November 2015

15november027

Vorbei nun ist es mit den blauen Tagen,
es senkt der Herbst die graue Schlußgardine;
vom Garten, der einst Rosenpracht getragen,
dringt Grabesduft verblühter Balsamine.
Ein letztes Ideal ward mir zerschlagen,
Brief zuckt auf Brief verflammend im Kamine;
indessen Schauer überm Parke jagen,
pfeift hell der Sturm die Abschiedskavatine.
Mir ahnt es trüb: wer um das Glück der Erden
sein Herzblut gab, den trösten nur hinferne
noch Arbeitslämpchen und Kamingefunkel.
Denn alle Wonnen, die begehret werden,
die Welt, der Ruhm, die Frauen und die Sterne,
sie wärmen nicht und sind im Grunde dunkel.

Prinz Emil von Schoenaich-Carolath-Schilden 

 

Herbstlied

Donnerstag, 26. November 2015

15november026

Geigen
des Herbstes,
Wie schluchzet ihr tief!
Brecht mir
das Herz,
Das voll Sehnsucht rief!
Weinend
steh‘ ich …
Die Stunde verrinnt …
Einstiger
Tage
Gedenkend, wie taub …
Frierend
treibt mich
Ein kalter Wind,
Hierhin
und dorthin –
Wie totes Laub!

Paul Verlaine

 

Worte in Goldener Stille

Mittwoch, 25. November 2015

15november025

Wenn ich Zeitung lese, Radio höre oder im Cafe darauf achte, was die Leute sagen, empfinde ich immer öfter Überdruss, ja Ekel ob der immer gleichen Worte, die geschrieben und gesprochen werden, ob der immer gleichen Wendungen, Floskeln und Metaphern. Und am schlimmsten ist es, wenn ich mir selber zuhöre und feststellen muss, dass auch ich die ewig gleichen Dinge sage. Sie sind so schrecklich verbraucht und verwohnt, diese Worte, abgenutzt von millionenfacher Verwendung. Haben sie überhaupt noch eine Bedeutung?
Natürlich, der Austausch der Wörter funktioniert, die Leute handeln danach, sie lachen und weinen, sie gehen nach links oder rechts, der Kellner bringt den Kaffee oder Tee. Doch das ist es nicht, was ich fragen will. Die Frage ist: Sind sie noch Ausdruck von Gedanken? Oder nur wirkungsvolle Lautgebilde, welche die Menschen dahin und dorthin treiben, weil die eingravierten Spuren des Geplappers unablässig aufleuchten?
Es kommt vor, dass ich dann an den Strand gehe und den Kopf weit hinaus in den Wind halte, den ich mir eisig wünschen würde, kälter, als wir ihn hierzulande kennen: Er möge all die abgegriffenen Worte, all die faden Sprechgewohnheiten aus mir hinaus blasen, so dass ich zurückkommen könnte mit gereinigtem Geist, gereinigt von der Schlacke des immer gleichen Geredes.

Doch bei der ersten Gelegenheit, wo ich etwas sagen muss, ist alles wie vorher. Die Reinigung, nach der ich mich sehne, ist nichts, was von selbst geht. Ich muss etwas tun, und ich muss es mit Worten tun. Aber was? Es ist nicht, dass ich aus meiner Sprache austreten und in eine andere eintreten möchte. Nein, es geht nicht um sprachliche Fahnenflucht. Und auch etwas anderes sage ich mir:

Man kann die Sprache nicht neu erfinden. Doch was ist es dann, was ich möchte? Vielleicht ist es so: Ich möchte die Worte neu setzen. Die Sätze, die aus dieser neuen Setzung entstünden, möchte nicht ausgefallen sein und verschroben, nicht exaltiert, maniriert und gewollt. Es müssten archetypische Sätze sein, die sein Zentrum ausmachten, so dass man das Gefühl hätte, sie entsprängen ohne Umweg und ohne Verunreinigung aus dem transparenten, diamantenen Wesen dieser Sprache. Die Worte müssten makellos sein wie polierter Marmor, und sie müssten rein sein wie dir Töne in einer Partita von Bach, die alles, was nicht sie selbst sind, in vollkommene Stille verwandeln. Manchmal, wenn noch ein Rest von Versöhnlichkeit mit dem sprachlichen Schlamm in mir ist, denke ich, es könnte die wohlige Stille eines zufriedenen Wohnzimmers sein oder auch die entspannte Stille zwischen Liebenden. Doch wenn mich die Wut über die klebrigen Wortgewohnheiten ganz und gar in Besitz nimmt, dann darf es nicht weniger sein als die klare, kühle Stille des Weltraums, in dem ich als die einzigste meine geräuschlosen Bahnen ziehe. Der Kellner, die Friseuse, der Schaffner- sie würden stutzen, wenn sie die neu gesetzten Worte hörten, und ihr Erstaunen würde der Schönheit, die nichts anderes wäre, als der Glanz ihrer Klarheit. Es wären, stelle ich mir vor, zwingende Sätze, und auch unerbittlich könnte man sie nennen. Unbestechlich und unverrückbar stünden sie da, und darin glichen sie den Worten eines Gottes. Zugleich wären sie ohne Übertreibung und ohne jedes Pathos, genau und von einer Kargheit, dass man kein einziges Wort wegnehmen könnte und kein einziges Komma. Darin wären sie einem Gedicht vergleichbar, geflochten von einem Goldschmied der Worte.

Pascal Mercier

 

Erfahrungen

Dienstag, 24. November 2015

15november024

Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese bloß zufällig und ohne dir Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unbemerkt unserem Leben seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben. Wenn wir uns dann, als Archäologen der Seele, diesen Schätzen zuwenden, entdecken wir, wie verwirrend sie sind. Der Gegenstand der Betrachtung weigert sich still zustehen, die Worte gleiten am Erlebten ab, und am Ende stehen lauter Widersprüche auf dem Papier. Lange Zeit habe ich geglaubt, das sei ein Mangel, etwas, das es zu überwinden gelte. Heute denke ich, dass es sich anders verhält: dass die Anerkennung der Verwirrung der Königsweg zum Verständnis dieser vertrauten und doch rätselhaften Erfahrungen ist. Das klingt sonderbar, ja eigentlich absonderlich, ich weiß. Aber seit ich diese Sache so sehe, habe ich das Gefühl, das erste mal richtig wach und am Leben zu sein.

Pascal Mercier

 

und nun …

Montag, 23. November 2015

15november023

Und nun: der Wind geht hohl und schwer,
in weißen Wogen schäumt das Meer –
nun ist der Herbst gekommen
und hat vom Feld den Morgentau
und hat das letzte Stückchen Blau
vom Himmel weggenommen.
Und nun fahr hin! – Es rauscht und zieht
durch dunkle Luft ein dunkles Lied;
ich mag nicht ruhn und träumen.
Ich liege wach die ganze Nacht
und horche auf die heiße Schlacht,
das Stöhnen in den Bäumen.
Und nun fahr hin. Das war ein Jahr,
so früchtereif, so freudenklar . . .
nun laß die Blätter treiben.
Fahr hin! Die Saat von deiner Hand,
die Ernte, die in Halmen stand,
muß doch mein eigen bleiben.

Clara Müller-Jahnke 

 

Alltagsleben

Donnerstag, 19. November 2015

15november019

Am entlaubten Zweige zittert
Manchmal noch ein grünes Blatt,
Das am Baum, trotz Sturm und Regen,
Sorgsam sich erhalten hat.
Also hält die Seele manchmal
Als des Glückes letzten Rest
Vor der völligen Entsagung
Eine schöne Täuschung fest.
Was dich bewegt und tief erregt,
Was ist es denn so Wicht’ges eben?
Hast du dir’s recht zurechtgelegt,
War’s nur ein Stückchen Alltagsleben.

Franz Ludwig Feodor Löwe 

 

Anders werden …

Mittwoch, 18. November 2015

15november018

Ich kann nicht sagen ob es besser werden wird, wenn es anders wird.
Aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden wenn es gut werden soll.

Georg C. Lichtenberg

 

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