Seelenherbst

Samstag, 31. Oktober 2015

ludwigshoehe

Es liegt der Herbst auf allen Wegen, in hundert Farben prangt sein Kleid,
Wie seine Trauer, seinen Segen er um sich streut zu gleicher Zeit.
Es rauscht der Fuß im welken Laube, was blüht‘ und grünte, ward ein Traum –
Allein am Stocke winkt die Traube und goldne Frucht schmückt rings den Baum.
So nimmt und gibt mit vollen Händen der Herbst, ein Dieb und eine Fee;
Erfüllung kann allein er spenden, doch sie umfängt ein tiefes Weh! –
O, Herbst der Seele! deine Früchte, sind auch Gewinn sie, oder Raub?
Der Wünsche Blüthe ist zunichte, der Hoffnung Grün ein welkes Laub.
Zu schwer erkauft, um zu beglücken,
O, Seelenherbst, ist deine Zier!
Der Saft der Traube kann entzücken, doch keine Wonne strömt aus dir.
Die Weisheit, wie die Frucht sie nennen, sie preßt mir bittre Thränen aus,
Und ihres Kernes herbem Brennen entkeimet nie ein Frühlingsstrauß!

Luise Büchner

 

030

Freitag, 30. Oktober 2015

15october030

 

Fürchte dich nicht

Donnerstag, 29. Oktober 2015

15october029

Fürchte dich nicht, sind die Astern auch alt,
streut der Sturm auch den welkenden Wald
in den Gleichmut des Sees –
die Schönheit wächst aus der engen Gestalt;
sie wurde reif, und mit milder Gewalt
zerbricht sie das alte Gefäß.
Sie kommt aus den Bäumen
in mich und in dich,
nicht um zu ruh’n;
der Sommer ward ihr zu feierlich.
Aus vollen Früchten flüchtet sie sich
und steigt aus betäubenden Träumen
arm ins tägliche Tun.

Rainer Maria Rilke

 

Was bleibt?

Mittwoch, 28. Oktober 2015

15october028

Wenn deine Schönheit, dein Talent man preist, sei der Gedanke stets dir gegenwärtig:
Das Leben wird mit allem, allem fertig, und wie das Antlitz altert auch der Geist.
Du meinst: »Verschmerzen läßt sich der Verlust, die Zeit mag ihres strengen Amtes walten,
Bleibt mir nur eins, das Köstlichste, erhalten: Die tiefe Liebeskraft in meiner Brust!«

So wisse: müd, erschöpft und abgehetzt fühlst du dereinst auch diese Kraft dir schwinden,
Dein Herz vertrocknet, stumpf wird dein Empfinden,
Nicht lieben kannst du mehr – was bleibt zuletzt?!

Betty Paoli

 

… gelber

Dienstag, 27. Oktober 2015

15october027

Die ganze Schöpfung steht in Trauer;
Das Laub der Bäume färbt sich gelber.
Und ach‘ mir ist, als fühlt‘ ich selber
Im Herzen kalte Winterschauer.
Wie ringsum alles stirbt und endet!
Bei diesem Welken und Verderben
Fleh ich: O Gott! laß mich nicht sterben,
Eh ich ein schönes Werk vollendet.

Heinrich Leuthold

 

Im eigenen Gedanken suche die Wahrheit

Montag, 26. Oktober 2015

15october026

Im eigenen Gedanken suche die Wahrheit, und nicht in morschen Büchern.
Willst du den Mond sehen, schaue zum Himmel, und nicht in die Pfütze.

 

Herbstregen

Sonntag, 25. Oktober 2015

15october025

O Regen sag‘ du kommst so hoch daher,
Ist droben auch der Tag spurlos und leer?
Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer,
Glaubst, du enteilst dem Leid und suchst Genuß?
O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß:
Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie
Der Regen auf dem Fluß, —
Die Liebe nur…

Max Dauthendey

 

024

Samstag, 24. Oktober 2015

15october024

 

Gold

Freitag, 23. Oktober 2015

15october023

Wie in Gold die Wälder prangen,
Rosen gleich die Bäum‘ erblühn!
Erde will wie Himmel glühn,
Eh sie starr liegt und vergangen.
Der verklärten Erden Wonne
Füllt mit Licht auch meine Brust,
Und das Herz hüpft auf in Lust,
Wie ein Vöglein in der Sonne.
Solche Lust, Herz, währt nicht lange,
Herz, das ist nur ein Erglühn
Vor dem gänzlichen Verblühn
Unterm Hügel kalt und bange.

Justinus Kerner

 

Herbstliche Liebe

Donnerstag, 22. Oktober 2015

15october022

Meine Seele spinnt dich ein;
schimmernde Marienfäden
sollen ihre Häscher sein.
Ihre Schlingen fühlst du kaum.
Eine rote Märtyrkrone
brech ich dir vom Eschenbaum.
Deine Stirne küß ich bleich –
und so führ ich dich gefangen
mitten durch mein Schattenreich.
Du wirst ganz mein eigen sein,
wirst verbluten und verblühen –
meine Seele spinnt dich ein.

Clara Müller-Jahnke

 

Previous Page »