Wintermittag

Samstag, 31. Januar 2015

14january031

Ich ging zum Wald zur Mittagsstund‘; der Schnee lag auf den Zweigen dicht.
Die funkelten in weiter Rund‘ im heilen Wintersonnenlicht.
Die Sonn‘ beschien den Bergeshang und von den Ästen flockenweiß
Ein Flöckchen nach dem andern sank mit Knistern hin zu Boden leis.
Das war ein Rauschen rings im Hain, als spräch der Wald dem Winter Hohn,
Als fühlte jedes Reis’chen klein die Allgewalt des Frühlings schon!
Da hüllte ein den Sonnenball urplötzlich eine Wolkenschar,
Und stille ward es überall und öd‘ im Hain, wie‘ s früher war.

Friedrich Emil Rittershaus

 

Seeleneis

Freitag, 30. Januar 2015

007

Alle Bücher der Welt voll Gedanken und Gedichten sind nichts gegen eine Minute Schluchzen, wo Gefühl in Strömen wogt,
Seele tief sich selber fühlt und findet.
Tränen sind schmelzendes Seeleneis, dem Weinenden sind alle Engel nah.

Hermann Hesse

 

Slainthe Math Rabbie Burns

Sonntag, 25. Januar 2015

burns_2015

You powers, who make mankind your care,
And dish them out their bill of fare,
Old Scotland wants no watery stuff,
That splashes in small wooden dishes;
But if you wish her grateful prayer,
Give her [Scotland] a Haggis!

 

Guter Stern

Mittwoch, 14. Januar 2015

15january014

Guter Stern, der meine Nacht versüßt, den mein Schicksal nah und näher zieht,
Fühlst du, wie mein Herz mit stummem Lied Dir entgegenharrt und dich begrüßt?
Sieh, noch ist voll Einsamkeit mein Blick, langsam nur darf ich zu dir erwachen,
Darf ich wieder weinen, wieder lachen und vertrauen dir und dem Geschick.

Hermann Hesse

 

Stürmischer Morgen

Montag, 12. Januar 2015

15january012

Wie hat der Sturm zerrissen des Himmels graues Kleid!
Die Wolkenfetzen flattern umher in mattem Streit.
Und rote Feuerflammen ziehn zwischen ihnen hin.
Das nenn ich einen Morgen so recht nach meinem Sinn!
Mein Herz sieht an dem Himmel
Gemalt sein eignes Bild – es ist nichts als der Winter,
Der Winter kalt und wild!

Wilhelm Müller

 

Im Sturme

Sonntag, 11. Januar 2015

15january011

Durch all dies stürmische Gestöhne vernehm‘ ich ferne Glockentöne.
Vom Winde nicht hierhergeführt, hätt‘ all ihr Laut mich nie berühtr.
O sanft verschwimmendes Getöne,
Voll nie geahnter Himmelsschöne!
Dank dir, der es vom fernen Turm
Hieher geleitet, wilder Sturm!

Karl Mayer

 

Flut im geistigen Leben …

Samstag, 10. Januar 2015

15january010

Es gibt Ebbe und Flut im geistigen Leben des einzelnen wie der Gesamtheit – das weiß jeder.
Aber wenige stellen nun auch die Frage: was ist zu tun zur Zeit der Ebbe?
Zu schauen, was die Flut an den Strand geworfen; zu bessern, was die Flut beschädigt hat.

Friedrich Rittelmeyer

 

… stürmische, brausende Zeit

Freitag, 09. Januar 2015

15january009

Ist es denn ein Unglück, in eine stürmische, brausende Zeit hineingeboren zu sein?
Ist es nicht vielmehr ein Glück?“

Hermann Hesse

 

Verweilen kurz

Montag, 05. Januar 2015

15january005

Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land,
Das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen
Einander mit der ausgestreckten Hand
Der Horizonte violettes Schweigen.
Verweilen kurz und sprechen aus den Ästen
Dann ziehn sie weiter in die Einsamkeit
Gen Nord und Süden und Ost und Westen,
Wo bleicht der niedere Tag der Winterszeit.

Georg Heym

 

Winternacht

Sonntag, 04. Januar 2015

15january004

Die lange Winternacht will nimmer enden,
Als käm’ sie nimmermehr, die Sonne, weilet;
Der Sturm mit Eulen um die Wette heulet;
Die Waffen klirren an den morschen Wänden.
Und off’ne Gräber ihre Geister senden:
Sie wollen, um mich her im Kreis vertheilet,
Die Seele schrecken, daß sie nimmer heilet; –
Doch will ich nicht auf sie die Blicke wenden.
Den Tag, den Tag, ich will ihn laut verkünden!
Nacht und Gespenster werden vor ihm fliehen:
Gemeldet ist er schon vom Morgensterne.
Bald wird es licht, auch in den tiefsten Gründen:
Die Welt wird Glanz und Farbe überziehen,
Ein tiefes Blau die unbegränzte Ferne.

Arthur Schopenhauer

 

Previous Page »