Heiligabend (Christi Geburt)

Dienstag, 24. Dezember 2013

13december024

Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?
Sieh, der Gott, der über Völkern grollte, macht sich mild und kommt in dir zur Welt.

Hast du dir ihn größer vorgestellt?

Was ist Größe? Quer durch alle Maße, die er durchstreicht, geht sein grades Los.
Selbst ein Stern hat keine solche Straße. Siehst du, diese Könige sind groß,
und sie schleppen dir vor deinen Schoß.
Schätze, die sie für die größten halten, und du staunst vielleicht bei dieser Gift -:
aber schau in deines Tuches Falten, wie er jetzt schon alles übertrifft.
Aller Amber, den man weit verschifft, jeder Goldschmuck und das Luftgewürze,
das sich trübend in die Sinne streut: alles dieses war von rascher Kürze,
und am Ende hat man es bereut.

Aber (du wirst sehen): Er erfreut.

Rainer Maria Rilke

 

Nun kann die Weihnacht kommen

Montag, 23. Dezember 2013

13december023

Es gibt keinen Moment im langen Jahre, wo man sich ihre immerfort mögliche Erscheinung und
dann Allgegenwärtigkeit so lebhaft ins Gemüt zu rufen vermöchte,
wie diese über die Jahrhunderte hin unabhängige Winter-Nacht,
die durch die unvergleichliche Hinzukunft jenes alle Wesen umwandelnden Kindes
die Summe aller übrigen Erdenmächte an Wert mit einem Schlag überwog und übertraf.
Mag der leichte Sommer, wo das Dasein um ein Beträchtliches erträglicher und mühloser scheint,
wo wir nicht so unmittelbar Anfeindung aus der Luft und aus der heiter beschäftigten Natur uns zu erwehren haben -,
mag der glücklichere Sommer uns mit Tröstungen verwöhnen, – was sind sie alle gegen die unermeßlichen Trost –
Schätze dieser außen unscheinbaren, ja armen Nacht, die nach innen zu plötzlich offen steht,
wie ein Alle umfassendes und wärmendes Herz und die wirklich mit Schlägen ihres glockentönigen Herzens
antwortet auf unser Hinein-Horchen in den innersten Gewahrsam!

Rainer Maria Rilke

 

Vierter Advent

Sonntag, 22. Dezember 2013

13december022

Da kommst du nun, du altes zahmes Fest,
und willst, an mein einstiges Herz gepresst,
getröstet sein. Ich soll dir sagen: du
bist immer noch die Seligkeit von einst
und ich bin wieder dunkles Kleid und tu
die stillen Augen auf, in die du scheinst.
Gewiss, gewiss. Doch damals, da ichs war,
und du mich schön erschrecktest, wenn die Türen
aufsprangen – und dein wunderbar
nicht länger zu verhaltendes Verführen
sich stürzte über mich wie die Gefahr
reißender Freuden: damals selbst, empfand
ich damals dich? Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an; mein Missverstehn; mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Un-Eigentum . . . . .

Rainer Maria Rilke

 

Was wäre das Leben…

Samstag, 21. Dezember 2013

13december021

Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?
Mancher Mensch hat ein großes Feuer in seiner Seele,
und niemand kommt, um sich daran zu wärmen.

Vincent van Gogh

 

Engel

Freitag, 20. Dezember 2013

13december020

Sie haben alle müde Münde und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde) geht ihnen manchmal durch den Traum.
Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Gärten schweigen sie, wie viele, viele Intervalle in seiner Macht und Melodie.
Nur wenn sie ihre Flügel breiten, sind sie die Wecker eines Winds:
als ginge Gott mit seinen weiten Bildhauerhänden durch die Seiten im dunklen Buch des Anbeginns.

Rainer Maria Rilke

 

>Weihnachten hat so eine Unaufhaltsamkeit im Näherkommen.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

13december019

Weihnachten hat so eine Unaufhaltsamkeit im Näherkommen.
Bei diesem Fest merkt man´s besonders, wie das Tempo der Welt
nicht mehr auf es Rücksicht nehmen mag, so ein Fest hat langsam zu kommen,
wie damals als man Kind war.
Da zählte man und wartete und es war trotzdem noch weit,
das gehört dazu, dieser langsame Advent,
nun rast man im Lebens-Schnellzug darauf zu,
hält an keiner Station, und es ist nicht mal sicher,
dass man in „ Weihnachten“ halten wird, drei Minuten vielleicht, –
und weiter auf die große Stadt Neujahr zu, wo´s endlich ein kleines Aussteigen gibt
und Händewaschen.

Rainer Maria Rilke

 

Un­se­re Zeit sei nicht ideal!

Mittwoch, 18. Dezember 2013

13december018

Denn es gibt keine »Not­wen­dig­keit« und kei­nen »Zug der Zeit«, der den ein­zel­nen nö­ti­gen könn­te,
ma­te­ri­el­le Güter den geis­ti­gen, ver­gäng­li­che den un­ver­gäng­li­chen vor­zu­zie­hen.
Wer diese ent­schei­den­de Wahl getan hat, darf nie­mand als sich selbst dafür ver­ant­wort­lich ma­chen.
»Ach was«, ent­geg­net ihr, »un­se­re Zeit ist nun eben nicht ideal und wir kön­nen sie und uns nicht an­ders ma­chen.«
Ja, das ist eben die alte Phra­se, die einer dem an­de­ren nach­schwatzt und die jeder meint,
glau­ben zu müs­sen. Un­se­re Zeit sei nicht ideal!
Warum nicht?

Hermann Hesse

 

Nacht im Odenwald

Dienstag, 17. Dezember 2013

13december017

Es schlug vom Turm die Mitternacht.
Was ist’s, daß ich so jäh erwacht?
Was pocht in wunderlichem Schmerz
Noch halb im Traume mir das Herz?
Rings Stille. Keines Windes Hauch,
Kein Tier noch Vogel lebt im Strauch,
Durchs Fenster mit verhaltnem Schein
Der bleiche Himmel sieht herein.
Da bricht, des Traumes noch bewußt,
Ein Schluchzen mir aus weher Brust.
Derweil ich schlief, ging bleich und stumm
Der alten Liebe Schatten um.

Hermann Hesse

 

Ist man wirklich immer glücklich auf Wolke #7 ?

Montag, 16. Dezember 2013

13december016

Dinge kommen, Dinge gehen
Angst vor’m Fallen, lieber für nichts mehr stehen
In den Bilderfluten nichts mehr sehen
Und dann mit wehenden Fahnen untergehen
Nachts in Katakomben abfliegen
Dem Kater kontern, wieder abschießen
Und im Gedränge untertauchen
An nichts, außer an Wunder glauben
Und du willst woanders sein
Nur wo kann das sein, es fällt dir gerade nicht ein
Ein dicker Schädel und ’ne dünne Haut
Jeden kennen, aber niemand trauen
Alles ist gesagt, nur das will keiner hören
Es wär so einfach, wenn’s nicht so einfach wär
Und all die Widersprüche totgeschwiegen
Mein Albtraum auf Wolke 7
Und ich schließe die Augen vor all diesen Fragen,
weil es schwer ist die Zweifel, auf den Schultern zu tragen
also schließe ich die Augen, um an etwas zu glauben, ist es wert es zu lieben
und das Leben zu lieben

und ich schließe die Augen
vor all diesen Fragen
ich bin müde vom Zweifeln
nach all diesen Tagen…

Philipp Poisel / Max Herre

 

Dritter Advent

Sonntag, 15. Dezember 2013

13december015

Du wußtest es von Ewigkeit, daß der Gedanken Übermaß,
Dem Sinn entzogner Herrlichkeit, zersprengen müßt‘ mein Hirn wie Glas;
So kommst du niedrig meinesgleichen, wie zu der Armut Fromme schleichen,
Dich setzend wo der Bettler saß.
Wenn fast zum Schwindeln mich gebracht
Der wirbelnden Betrachtung Kreis, dann trittst du aus der Dünste Nacht,
Und deine Stimme flüstert leis: »Hier bin ich, bin ich, woll‘ mich fassen,
Dann magst du alles Andre lassen;
Auf meinem Kreuze liegt der Preis.«

Annette von Droste-Hülshoff

 

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