Am letzten Tag des Jahres

Freitag, 31. Dezember 2010

Das Jahr geht um, der Faden rollt sich sausend ab.
Ein Stündchen noch, das letzte heut, und stäubend rieselt in sein Grab
Was einstens war lebend’ge Zeit.
Ich harre stumm.
‚S ist tiefe Nacht! Obwohl ein Auge offen noch?
In diesen Mauern rüttelt dein Verrinnen, Zeit! Mir schaudert, doch es will die letzte Stunde sein
Einsam durchwacht.
Gesehen all, was ich begangen und gedacht, was mir aus Haupt und Herzen stieg:
Das steht nun eine ernste Wacht
Am Himmelstor. O halber Sieg, O schwerer Fall!
Wie reisst der Wind am Fensterkreuze, ja es will auf Sturmesfittigen das Jahr zerstäuben,
nicht ein Schatten still verhauchen unterm Sternenklar.
Du Sündenkind!
War nicht ein hohl und heimlich Sausen jeder Tag
In deiner wüsten Brust Verlies, wo langsam Stein an Stein zerbrach,
Wenn es den kalten Odem stiess vom starren Pol?
Mein Lämpchen will verlöschen, und begierig saugt der Docht den letzten Tropfen Öl.
Ist so mein Leben auch verraucht, eröffnet sich des Grabes Höhl‘
Mir schwarz und still?
Wohl in dem Kreis, den dieses Jahres Lauf umzieht,
Mein Leben bricht: Ich wüsst‘ es lang!
Und dennoch hat dies Herz geglüht in eitler Leidenschaften Drang.
Mit blüht der Schweiss.
Der tiefsten Angst auf Stirn und Hand! – Wie, dämmert feucht ein Stern dort durch die Wolken nicht?
Wär‘ es der Liebe Stern vielleicht, Dir zürnend mit dem trüben Licht,
Dass du so bangst?
Horch, welch Gesumm? Und wieder? Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehrnen Mund.
O Herr! ich falle auf das Knie: Sei gnädig meiner letzten Stund!
Das Jahr ist um!

Annette von Droste-Hülshoff

 

Winterliche Stanzen III

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Nun sollen wir versagte Tage lange
ertragen in des Widerstandes Rinde;
uns immer wehrend, nimmer an der Wange
das Tiefe fühlend aufgetaner Winde.
Die Nacht ist stark, doch von so fernem Gange,
die schwache Lampe überredet linde.
Lass dichs getrösten: Frost und Harsch bereiten
die Spannung künftiger Empfänglichkeiten.

Rainer Maria Rilke

 

Winterliche Stanzen II

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Hast du denn ganz die Rosen ausempfunden
vergangnen Sommers? Fühle, überlege:
das Ausgeruhte reiner Morgenstunden,
den leichten Gang in spinnverwebte Wege?
Stürze in dich nieder, rüttle, errege
die liebe Lust: sie ist in dich verschwunden.
Und wenn du eins gewahrst, das dir entgangen,
sei froh, es ganz von vorne anzufangen.

Rainer Maria Rilke

 

Winterliche Stanzen I

Dienstag, 28. Dezember 2010

Vielleicht ein Glanz von Tauben, welche kreisten,
ein Vogelanklang, halb wie ein Verdacht,
ein Blumenblick (man übersieht die meisten),
ein duftendes Vermuten vor der Nacht.
Natur ist göttlich voll; wer kann sie leisten,
wenn ihn ein Gott nicht so natürlich macht.
Denn wer sie innen, wie sie drängt, empfände,
verhielte sich, erfüllt, in seine Hände.

Rainer Maria Rilke

 

Alles schon wieder vorbei …

Montag, 27. Dezember 2010

So lang darauf hin gearbeitet, dann da und vorhanden
Aber nur kurz – zu kurz. Wie doch die Zeit vergeht …
Und nun schon wieder vorbei.

Verhielte sich wie im Übermaß und Menge
und hoffte nicht noch Neues zu empfangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
und meinte nicht, es sei ihm was entgangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
mit maßlos übertroffenem Verlangen
und staunte nur noch, dass er dies ertrüge:
die schwankende, gewaltige Genüge.

Rainer Maria Rilke

 

Zweiter Weihnachtstag

Sonntag, 26. Dezember 2010

In Weihnachtszeiten reis‘ ich gern
Und bin dem Kinderjubel fern
Und geh‘ in Wald und Schnee allein.
Und manchmal, doch nicht jedes Jahr,
Trifft meine gute Stunde ein,
Dass ich von allem, was da war,
Auf einen Augenblick gesunde
Und irgendwo im Wald für eine Stunde
Der Kindheit Duft erfühle tief im Sinn
Und wieder Knabe bin….

Hermann Hesse

 

Erster Weihnachtag

Samstag, 25. Dezember 2010

Assistono diversi santi

Nichts andres haben wir zu tun,
Als daß wir vor dem Heilandkind
Auf frommen Knieen betend ruhn,
Die wir der Jungfrau Diener sind.
Sieh, unser Dienst ist leicht und zart,
Wir atmen still im grünen Land
Der schönen Mutter Gegenwart,
Und selig werden wir genannt.
Und selig wirst auch du, o Christ,
Der du voll dunkler Sehnsucht bist,
Wenn du der Schönsten dich ergibst
Und keine andre liebst.

Hermann Hesse

 

Heiligabend

Freitag, 24. Dezember 2010

Am dunklen Fenster stand ich lang
Und schaute auf die weiße Stadt
Und horchte auf den Glockenklang,
Bis nun auch er versungen hat.
Nun blickt die stille reine Nacht
Traumhaft im kühlen Winterschein,
Vom bleichen Silbermond bewacht,
In meine Einsamkeit herein.
Weihnacht! – Ein tiefes Heimweh schreit
Aus meiner Brust und denkt mit Gram
An jene ferne, stille Zeit,
Da auch für mich die Weihnacht kam.
Seither voll dunkler Leidenschaft
Lief ich auf Erden kreuz und quer
In ruheloser Wanderschaft
Nach Weisheit, Gold und Glück umher.
Nun rast ich müde und besiegt
An meines letzten Weges Saum,
Und in der blauen Ferne liegt
Heimat und Jugend wie ein Traum.

Hermann Hesse

 

Wunderweiße Nächte

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Rainer Maria Rilke

 

Jul – Wintersonnenwende

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Die Wintersonnenwende ist eines der heiligsten Sonnenfeiern und findet am 21./22. Dezember statt.
Sie bezeichnet die tiefste Nacht des Jahres – wird deswegen auch MUTTERNACHT (althochdeutsch Modranecht) genannt.
Man feierte den Tod des alten Jahres und die Geburt des neuen Jahres. Nach diesem kürzesten Tag des Jahres nimmt die Kraft der Sonne wieder zu und die Tage werden länger. Die Zeit „zwischen den Jahren“ ist die Zeit des Neubeginns: Die Rückkehr der Sonne bedeutet auch die Rückkehr des Lebens.

Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.

Hermann Hesse

 

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