030

Dienstag, 30. November 2010

Nun sollen wir versagte Tage lange
ertragen in des Widerstandes Rinde;
uns immer wehrend, nimmer an der Wange
das Tiefe fühlend aufgetaner Winde.
Die Nacht ist stark, doch von so fernem Gange,
die schwache Lampe überredet linde.
Lass dichs getrösten: Frost und Harsch bereiten
die Spannung künftiger Empfänglichkeiten.

Rainer Maria Rilke

 

029

Montag, 29. November 2010

Verhielte sich wie im Übermaß und Menge
und hoffte nicht noch Neues zu empfangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
und meinte nicht, es sei ihm was entgangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
mit maßlos übertroffenem Verlangen
und staunte nur noch, dass er dies ertrüge:
die schwankende, gewaltige Genüge.

Rainer Maria Rilke

 

Erster Advent

Sonntag, 28. November 2010

So heißt es : In der Adventszeit bereiten wir uns auf Weihnachten vor. Was aber bedeudet ADVENT? Im Lateinischen heißt es „Ankunft“. In dieser Zeit denken wir daran, daß Jesus Christus als Kind in diese Welt gekommen ist und daß er als HERR bald wiederkommen wird. Zur Adventszeit sind all die Straßen hell beleuchtet und überall hängen Lichterketten und bunter Schmuck. Manchmal grotesk, aber doch irgendwie berührend. Auf dem Adventskranz stecken vier Kerzen – an jedem Sonntag im Advent wird eine neue Kerze angezündet. Und es wird imer mehr Licht …

 

Forgetting

Samstag, 27. November 2010

Crawling then walking then running and sweating
Forgetting
Lying and cheating aiding and abetting
Forgetting
Itching and scratching and punching and hitting
Forgetting, forgetting
Reminding, rewinding
Removing, regretting
Forgetting …

David Gray

 

Reden

Freitag, 26. November 2010

Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner anderen vermischen. Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt und keine kann zu der anderen kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt, dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und geht hin, wie und wo er will.

Hermann Hesse (Meine Erinnerung an Knulp)

 

Erster Schnee

Donnerstag, 25. November 2010

Alt geworden bist Du, grünes Jahr,
Blickst schon welk und trägst schon Schnee im Haar,
Gehst schon müd und hast den Tod im Schritt-
Ich begleite Dich, ich sterbe mit.
Zögernd geht das bange Herz den Pfad,
Angstvoll schläft im Schnee die Wintersaat.
Wieviel Äste brach mir schon der Wind,
Deren Narben nun mein Panzer sind!
Wieviel bittere Tode starb ich schon!
Neugeburt war jedes Todes Lohn.
Sei willkommen, Tod, du dunkles Tor!
Jenseits läutet hell des Lebens Chor.

Hermann Hesse

 

Später Lichtblick

Mittwoch, 24. November 2010

Wenn ich abends einsam gehe und die Blätter fallen sehe,
Finsternisse niederwallen, ferne, fromme Glocken hallen:
Ach, wie viele sanfte Bilder, immer inniger und milder,
Schatten längst vergangner Zeiten, seh ich dann vorübergleiten.
Was ich in den fernsten Stunden, oft nur halb bewußt, empfunden,
Dämmert auf in Seel‘ und Sinnen, mich noch einmal zu umspinnen.
Und im inneren Zerfließen mein ich’s wieder zu genießen,
Was mich vormals glücklich machte, oder mir Vergessen brachte.
Doch, dann frag ich mich mit Beben: Ist so ganz verarmt dein Leben?
Was du jetzt ersehnst mit Schmerzen, sprich, was war es einst dem Herzen?
Völlig dunkel ist’s geworden, schärfer bläst der Wind aus Norden,
Und dies Blatt, dies kalt benetzte, ist vielleicht vom Baum das letzte.

Christian Friedrich Hebbel

 

Graue Tage II.

Dienstag, 23. November 2010

Hast du das ganz vergessen,
Daß einst dein Arm in meinem hing und Wonne unermessen
Von deiner Hand in meine Hand
Von meinem Mund in deinen überging,
Und daß dein blondes Haar
Einst einen flüchtigen Frühling lang
Der selige Mantel meiner Liebe war,
Und daß die Welt einst duftete und klang,
Die jetzt so grau verdrossen liegt,
Von keinem Liebessturm, von keiner Torheit mehr gewiegt?

Was wir einander wehe tun,
Die Zeit verweht’s, das Herz vergißt;
Die seligen Stunden aber ruhn
In einem Glanz, der ohne Ende ist.

Hermann Hesse

 

Graue Tage I.

Montag, 22. November 2010

Legt seine Wolken an meine Brust,
Mein Herz steht leer.
Mein Herz ist dunkel und wolkenschwer,
Ich habe so lange nicht mehr geküßt,
Ich küsse so gerne.
Lippe und Seele warten auf dich,
Du Herz der Ferne.

Max Dauthendey

 

Totensonntag

Sonntag, 21. November 2010

Zum Engel der letzten Stunde, den wir so hart den Tod nennen,
wird uns der weichste, gütigste Engel zugeschickt,
damit er gelinde und sanft das niedersinkende Herz des Menschen
vom Leben abpflücke und es in warmen Händen und ungedrückt
aus der kalten Brust in das hohe, wärmende Eden trage.
Sein Bruder ist der Engel der ersten Stunde,
der den Menschen zweimal küsset,
das erste Mal, damit er dieses Leben empfange,
das zweite Mal, damit er droben ohne Wunden aufwache
und in das andere lächelnd komme, wie in dieses Leben weinend.

Jean Paul

 

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