Morgentau

Mittwoch, 30. Juni 2010

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts…

Gottfried Keller

 

Zum 110. Geburtstag von Antoine de Saint-Exupéry

Dienstag, 29. Juni 2010

Du bist mir von Nutzen, wenn du mich verurteilst.
Freilich habe ich mich getäuscht, als ich das Land beschrieb,
das ich nur undeutlich gesehen hatte.
Ich habe die Lage diese Flusses falsch angegen und jenes Dorf vergessen.
Da kommst du nun lärmend und triumphierend daher, um mir meine Irrtümer zu widerlegen.
Und ich billige deine Mühe. Habe ich denn Zeit, alles zu messen, alles abzuzählen?
Es kam mir darauf an, daß du die Welt von dem Berge aus, den ich gewählt habe,
beurteilen solltest.
Du vertiefst dich leidenschaftlich in diese Arbeit, du gehst weiter als ich in meiner Richtung.
Du stehst mir dort bei, wo ich schwach war. So bin ich’s zufrieden.

Antoine de Saint-Exupéry (Die Stadt in der Wüste)

 

Wer nicht am Denken leidet …

Montag, 28. Juni 2010

Wer nicht am Denken leidet, den freut das Aufstehen am Morgen und das Essen und Trinken,
der findet Genüge darin und will es nicht anders.
Wem aber diese Selbstverständlichkeit verlorenging,
der sucht im Laufe der Tage begierig und wachsam nach den Augenblicken wahren Lebens,
deren Aufblitzen beglückt und das Gefühl der Zeit samt allen Gedanken an Sinn und Ziel des Ganzen auslöscht.

Hermann Hesse

 

…die nächste Stufe

Freitag, 25. Juni 2010

Das Ziel des Lebens ist Selbstentfaltung.
Seine eigene Natur vollkommen zu verwirklichen – dafür ist jeder von uns da.

Oscar Wilde

 

Morgens

Mittwoch, 23. Juni 2010

Kurve der Liebe, laß sie uns zeichnen. Ihr Steigen
soll uns unendlich rühmlich sein.
Aber auch später, wenn sie sich neigt -: wie eigen.
Wie deine feine Braue so rein.

Rainer Maria Rilke

 

Schlaflied

Montag, 21. Juni 2010

Einmal, wenn ich dich verlier,
wirst du schlafen können, ohne
daß ich wie eine Lindenkrone
mich verflüstre über dir?
Ohne daß ich hier wache und
Worte, beihnah wie Augenlider,
auf deine Brüste, auf deine Glieder
niederlege, auf deinen Mund
Ohne daß ich dich verschließ
und dich allein mit Deinem lasse,
wie einen Garten mit einer Masse
von Melissen und Stern-Anis.

Rainer Maria Rilke

 

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Sonntag, 20. Juni 2010

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:
Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Rainer Maria Rilke

 

Nebel und Schatten

Samstag, 19. Juni 2010

Bruchstück.

Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld!
hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe:
hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.
Kein Laut; kein Hauch; der bleiche Abend hält
im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.
So thut es wohl dem unbewegten Sinn …

Mein Herz nur hör‘ ich noch; doch kein Verlangen
nach Leben ist dies Klopfen, – Lust und Schmerz
ruhn hinter mir versunken gleich zwei Stürmen,
die sich umarmen und im Wirbel sterben, – –
was störst du mich, mein allzu lautes Herz?!

Was willst du Schatten dort im Erlenbusch?
und schwankst? und winkst? – – –

Richard Dehmel

 

Nenn ich Dich Aufgang oder Untergang …

Freitag, 18. Juni 2010

Nenn ich Dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosenröte.
Und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche Lidlos sind und lang.
Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen.
In meinen Armen schlafen Wälder ein,
und ich bin selbst das Klingen über ihnen
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

Rainer Maria Rilke

 

Hiersein

Mittwoch, 16. Juni 2010

Aber weil Hiersein viel ist,
und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht,
dieses Schwindende, das seltsam uns angeht.
Uns, die Schwindendsten. Ein Mal jedes, nur ein Mal.
Ein Mal und nichtmehr. Und wir auch ein Mal.
Nie wieder.
Aber dieses ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.

Rainer Maria Rilke

 

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