Dunkle Wolken über mir

Sonntag, 30. Mai 2010

Ist das Leben vielleicht nur ein Verbrennen,
ein Ausglühen, ein Wegzehren der Empfänglichkeit für Schmerz und Lust?
Ist alles, was als ruhiges Element, als Erde und Stein, uns umgibt, schon lebendig gewesen?
Werden auch wir Erde und Stein und ist die Geschichte zu Ende, wenn alles ruht und schweigt?

Friedrich Hebbel

 

… immer noch Regen

Samstag, 29. Mai 2010

Der Regen fällt. In den Tropfentanz
Starr ich hinaus, versunken ganz
In allerlei trübe Gedanken. Mir ist,
Als hätt‘ es geregnet zu jeder Frist,
Und alles, so lange ich denken kann,
Trüb, grau und nass in einander rann,
Als hätte es nie eine Sonne gegeben,
Als wäre nur immer das ganze Leben,
Die Jahre, die Tage, die Stunden all,
Ein trüber, hastiger Tropfenfall.

Gustav Falke

 

Nach dem Regen

Freitag, 28. Mai 2010

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

Rainer Maria Rilke

 

Was ist das Leben?

Dienstag, 18. Mai 2010

Die Wanderschaft eines Lahmen und Kranken,
welcher mit einer schweren Last auf dem Rücken die steilsten Berge und unwegsamsten Gebiete bei Schnee und Eis,
Regen und Wind, unter brennender Sonne bei Tag und Nacht überquert, ohne sich jemals Ruhe zu gönnen,
und viele Tagereisen zurücklegt, um schließlich an einen Abgrund,
an eine Schlucht zu gelangen und dort unweigerlich in die Tiefe zu stürzen.

Giacomo Leopardi (1, 535), Das Gedankenbuch

 

Jeder Mensch ist im Grunde gescheiter wie der andere

Montag, 17. Mai 2010

Jeder Mensch ist im Grunde gescheiter wie der andere, nur will dies keiner von ihnen glauben.
Die Ecke des einen greift in die Fuge des andern, und so entsteht die seltsame Maschinerie,
die wir das menschliche Leben nennen. Verachtung und Verehrung, Stolz und Eitelkeit, Demut und Eigensinn:
alles eine blinde, von Notwendigkeiten umgetriebene Mühle, deren Gesause in der Ferne wie artikulierte Töne klingt.
Vielleicht ist es keinem Menschen gegeben, alles aus dem wahren Standpunkte zu betrachten,
weil er selbst irgendwo als umgetriebenes und treibendes Rad steckt.

Ludwig Tieck

 

Leben

Sonntag, 16. Mai 2010

Leben bedeutet überall Leben, das Leben ist in uns selbst und nicht im Äußerlichen.
Ich werde Menschen neben mir haben, und unter Menschen Mensch zu sein und für immer zu bleiben,
den Mut nicht zu verlieren und sich vom Unglück, so groß es auch sein mag, nicht unterkriegen lassen –
das ist der Sinn des Lebens und die Aufgabe.

Fjodor M. Dostojewski

 

Jugend

Samstag, 15. Mai 2010

Verschenke dich, so stolz du bist,
Verschenke alles, was du hast!
Die Jugend ist ein flüchtiger Gast,
Der bald gegangen ist.

Gib dich einem armen Knaben,
Dem du keine Liebe wehrst,
Mach ihn reich, so wirst du erst
Selber dich zu eigen haben.

Hermann Hesse

 

Fernweh

Freitag, 14. Mai 2010

Ich hab Heimweh, Fernweh, Sehnsucht
Ich weiß nicht, was es ist
Ich hab Heimweh, Fernweh, Sehnsucht
Ich weiß nicht, was es ist
Ich will nur weg, ganz weit weg
Ich will raus!

Purple Schulz

 

Muttertag

Sonntag, 09. Mai 2010

Daß du in dem Getriebe
Des Lebens eine Mitte weisst,
Macht dich und deine Liebe
Für mich zum guten Geist.
In meinem Dunkel ahnst du
Den so verborgnen Stern.
Mit deiner Liebe mahnst du
Mich an des Lebens süßen Kern.

Hermann Hesse

 

… der nicht weiss was ich noch gestern war

Samstag, 08. Mai 2010

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

Rainer Maria Rilke

 

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