Vorfrühling

Dienstag, 06. April 2010

Nicht so sehr der neue Schimmer tats,
Daß wir meinen, Frühling mitzuwissen,
Als ein Spiel von sanften Schattenrissen
Auf der Klärung eines Gartenpfads.
Schatten eignet uns den Garten an.
Blätterschatten lindert unsern Schrecken,
Wenn wir in der Wandlung, die begann,
Uns schon vorverwandelter entdecken.

Rainer Maria Rilke

 

Ostermontag

Montag, 05. April 2010

Vom Thurme klangen die Osterglocken
Ueber des Kirchhofs trauernde Gruft,
Und gleich verwehten Blüthenflocken
Verschwamm ihr Klang in der Morgenluft.
Mich aber riefen sie in die Weite
Und ließen mich nicht im dumpfen Haus,
Und unter der Osterlieder Geleite
Zog ich die Straßen zum Thore hinaus.

Weit hinter mir im Morgendämmer
Sich das Gemäuer der Stadt verlor,
Und selbst das Pochen der Eisenhämmer
Traf nur gedämpft noch an mein Ohr.
Doch dehnte sich immer weiter und weiter
Vor meinen Blicken der sonnige Gau,
Und jauchzend auf tönender Himmelsleiter
Schwang sich die Lerche ins Aetherblau.

Da stand ich denn nun am Waldesrande
Mit meinen Gedanken so ganz allein
Und sah tief unter mir die Lande
Liegen im flimmernden Sonnenschein.
Und als dann den letzten Zweifel zu rauben,
Ein Schäfer noch blies auf seiner Schalmei,
Da wollte ich es selbst nicht glauben,
Daß Tod die Lösung des Räthsels sei.

Da schien mir alles verweht und vergangen,
Was ich betrauerte winterlang;
Und alle Saiten des Herzens klangen
Zusammen im Auferstehungsgesang.
O, solche Seelenklänge dringen
Weit höher noch in die Himmel empor,
Als je auf seinen Flatterschwingen
Ein Vogel sich in der Luft verlor!

Ja, Fest der Ostern, nun warst du gezogen
Auch endlich in diese verödete Brust;
Und dies Herz, das so oft schon das Leben betrogen,
Erzitterte wieder von süßer Lust
Und schlägt nun der hohen Feier entgegen,
Die über die Erde zu gießen verheißt
Den herrlichsten aller himmlischen Segen,
Den welterlösenden, heiligen Geist.

Der heilige Geist ist die ewige Liebe,
Die Gott in die Herzen der Menschen gesenkt,
Und die mit jedem Ostertriebe
Von neuem sich zum Lichte drängt.
Sie schwebt herab vom Himmelssaale
Zu Jedem, der an sie noch glaubt –
O neige, neige die goldene Schaale
Auch hier auf dieses Beterhaupt!

Arno Holz

 

Die Erde hat mich wieder! (Ostersonntag)

Sonntag, 04. April 2010

Christ ist erstanden!
Freude dem Sterblichen, den die verderblichen, Schleichenden, erblichen Mängel umwanden.

Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon des Osterfestes erste Feierstunde?
Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang,
der einst um Grabes Nacht von Engelslippen klang
Gewissheit einem neuen Bunde?

Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag’ ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tönt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuss
Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuss;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt’ ich mir eine Welt entstehn.
Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun mit kindlichem Gefühle
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!

Johann Wolfgang Goethe, Faust I

 

Besinnung (Karsamstag)

Samstag, 03. April 2010

Göttlich ist und ewig der Geist.
Ihm entgegen, dessen wir Bild und Werkzeug sind, führt unser Weg; unsre innerste Sehnsucht ist:

Werden wie er, leuchten in seinem Licht!
Aber irden und sterblich sind wir geschaffen, träge lastet auf uns Kreaturen die Schwere.
Hold zwar und mütterlich warm umhegt uns Natur, säugt uns Erde, bettet uns Wiege und Grab;
doch befriedet Natur uns nicht, ihren Mutterzauber durchstößt des unsterblichen Geistes Funke.
Väterlich, macht zum Manne das Kind. Löscht die Unschuld und wendet uns zu Kampf und Gewissen.
So zwischen Mutter und Vater, so zwischen Leib und Geist zögert der Schöpfung gebrechlichstes Kind.
Zitternde Seele Mensch, des Leidens fähig wie kein anderes Wesen,
und fähig des Höchsten: Gläubiger, hoffender Liebe.
Schwer ist sein Weg, Sünde und Tod seine Speise, oft verirrt er ins Finstre,
oft wär ihm besser, niemals erschaffen zu sein.
Ewig aber strahlt über ihm seine Sehnsucht, seine Bestimmung: das Licht, der Geist.
Und wir fühlen: ihn, den Gefährdeten, liebt der Ewige mit besonderer Liebe.

Darum ist uns irrenden Brüdern Liebe möglich noch in der Entzweiung,
und nicht Richten und Hass, sondern geduldige Liebe,
liebendes Dulden führt uns dem heiligen Ziele näher.

Hermann Hesse

 

Karfreitag

Freitag, 02. April 2010

Ich bin jener, den man nicht erreicht,
und im Recht nur, wo ich mich erwehre –
Dicht an Deinem Herzen wär ich Schwere,
aber aus der Ferne mach ich leicht.
Vertraust Du so? Nicht meine Demut nur,
mein Wesen zittert vor so viel Vertrauen.
Mein Grund ist zu geheim, um drauf zu bauen;
ich bin Gefahr, sonst wär ich nicht Natur.
…Komm an den Brunnen, der ich bin; ich gebe
die Wasser weiter, selber nicht gespeist,
und während ich von Spiegelungen lebe, –
was weiß ich denn wie dieses Wasser heißt…

Rainer Maria Rilke

 

Du mußt dein Leben ändern (Gründonnerstag)

Donnerstag, 01. April 2010

Denken Sie, lieber Herr, an die Welt, die Sie in sich tragen, und nennen Sie dieses Denken, wie Sie wollen; mag es Erinnerung an die eigene Kindheit sein oder Sehnsucht zur eigenen Zukunft hin, – nur seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken. Ihr innerstes Geschehen ist Ihrer ganzen Liebe wert, an ihm müssen Sie irgendwie arbeiten und nicht zu viel Zeit und zu viel Mut damit verlieren, Ihre Stellung zu den Menschen aufzuklären. Wer sagt Ihnen denn, daß Sie überhaupt eine haben?

Es ist überall so; aber das ist kein Grund zu Angst oder Traurigkeit; wenn keine Gemeinsamkeit zwischen den Menschen ist und Ihnen, versuchen Sie es, den Dingen nahe zu sein, die Sie nicht verlassen werden; noch sind die Nächte da und die Winde, die durch die Bäume gehen und über viele Länder; noch ist unter den Dingen und bei den Tieren alles voll Geschehen, daran Sie teilnehmen dürfen; und die Kinder sind noch so, wie Sie gewesen sind als Kind, so traurig und glücklich, – und wenn Sie an Ihre Kindheit denken, dann leben Sie wieder unter ihnen, unter den einsamen Kindern, und die Erwachsenen sind nichts, und ihre Würde hat keinen Wert.

Rainer Maria Rilke