Suchen

Sonntag, 31. Januar 2010

Wenn jemand sucht,
dann geschieht es leicht, daß sein Auge nur noch das Ding sieht,
das er sucht, daß er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag,
weil er nur an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er von Ziel besessen ist.
Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.

Hermann Hesse

 

Unterm Rad

Samstag, 30. Januar 2010

Es ist der alte, ungleiche Kampf zwischen Kritik und Schöpfung,
Wissenschaft und Kunst, wobei jene immer recht hat,
ohne daß jemand damit gedient wäre,
diese aber immer wieder den Samen des Glaubens,
der Liebe, des Trostes und der Schönheit und Ewigkeitsahnung hinauswirft
und immer wieder guten Boden findet.

Denn das Leben ist stärker als der Tod und der Glaube ist mächtiger als der Zweifel.

Hermann Hesse, Unterm Rad

 

Glück

Freitag, 29. Januar 2010

Absolutes Glück oder Unglück kennen wir nicht. Alles ist in diesem Leben gemischt; man genießt darin kein Gefühl ganz rein, verharrt nicht zwei Augenblicke in demselben Zustand. Geistig wie körperlich befinden wir uns in fortwährenden Schwankungen. Gutes wie Böses ist unser gemeinsames Erbteil, wenn auch in verschiedenem Maße. Der Glücklichste ist derjenige, welcher am wenigsten Not und Sorgen zu erfahren hat, der Unglücklichste, wer am wenigsten Freude empfindet. Trotz aller Verschiedenheit des Erdenloses ist es doch darin bei allen gleich, daß wir mehr bittere als freudvolle Stunden durchzumachen haben. Hienieden ist deshalb das Glück des Menschen nur ein negativer Zustand; man kann es lediglich nach der geringeren Anzahl der zu erduldenden Uebel bemessen.

Jean-Jacques Rousseau

 

Hinhalten will ich mich

Donnerstag, 28. Januar 2010

Hinhalten will ich mich. Wirke. Geh über
so weit du vermöchtest. Hast du nicht Hirten das Antlitz
größer geordnet, als selbst in der Fürstinnen Schoß
unaufhörlicher Könige Herkunft und künftige Kühnheit
formten den krönlichen Ausdruck? Wenn die Galionen
in dem staunenden Holz des stillhaltenden Schnitzwerks
Züge empfangen des Meerraums, in den sie stumm drängend
hinausstehn:
o, wie sollte ein Fühlender nicht, der will, der sich aufreißt,
unnachgiebige Nacht, endlich dir ähnlicher sein.

Rainer Maria Rilke

 

Sehnen

Mittwoch, 27. Januar 2010

Wir sehnen uns nach der Wahrheit und finden in uns nur Ungewißheit.
Wir streben nach dem Glück und finden nur Elend und Tod.
Wir sind unfähig, uns nicht nach Wahrheit und Glück zu sehnen, und wir sind der Gewißheit wie des Glücks unfähig.
Dieses Verlangen ist uns erhalten geblieben, um uns empfinden zu lassen, von welchem Ort wir herabgesunken sind.

Blaise Pascal

 

Du kannst nicht alles haben, was du willst

Dienstag, 26. Januar 2010

Du kannst nicht alles haben, was du willst.
Es geht nicht, dass du dir jeden Wunsch erfüllst.
Du bist zufrieden, redest du dir ein,
und doch kannst du nicht wirklich glücklich sein.

Denn niemals, niemals
hast du alles, was du willst.
Niemals, niemals
hast du alles, was du willst.

Tobias Künzel/Kati Naumann

 

… trinken

Montag, 25. Januar 2010

Lass mich nicht an deinen Lippen trinken,
denn an Munden trank ich mir Verzicht.
Lass mich nicht in deine Arme sinken,
denn mich fassen Arme nicht.

Rainer Maria Rilke

 

Wahrhaftigkeit

Sonntag, 24. Januar 2010

Offenbare mir, was du wahrhaftig liebst, was du mit deinem ganzen Sehnen suchest und anstrebest, wenn du den wahren Genuss deiner selbst zu finden hoffest – und du hast mir dadurch dein Leben gedeutet. Was du liebest, das lebest du. Diese angegebene Liebe eben ist dein Leben, und die Wurzel, der Sitz und der Mittelpunkt deines Lebens.

Johann Gottlieb Fichte

 

Der kleine König Dezember

Samstag, 23. Januar 2010

…Der König legte den Kopf in den Nacken, schaute ebenfalls nach oben und sagte: „Einen Lieblingsstern hast du wahrscheinlich auch nicht“.
„Nein“, sagte ich.
„Dann such dir einen aus, und gib ihm einen Namen!“ sagte der König Dezember.
Ich suchte lange den Himmel nach einem besonders schönen Stern ab. Rechts neben dem Großen Wagen fand ich einen, der nur ganz leise blinkte, und ich zeigte ihn dem König und sagte, er heiße „Uli“.
„Sie heißen normalerweise Proxima Centauri oder Beteigeuze“, sagte er. „Ich finde es schön, dass deiner Uli heißt“. „Ich hatte einmal einen Freund, der so hieß“ sagte ich. „Er ist schon lange tot“.
„Und wer tot ist, wird ein Stern“, sagte der König.
„Wenn das so ist…“, sagte ich, „und ich wäre unsterblich, dann würden alle meine Freunde einmal Sterne, nur ich nicht. Und nach ihrem Tod würde ich in den klaren Nächten immer zu ihnen hinaufschauen. Das einzige, was ich dabei wüsste, wäre, dass ich nie wissen werde, was sie wissen.“

Aus: Der kleine König Dezember, Axel Hacke

 

O Lacrimosa

Freitag, 22. Januar 2010

Aber die Winter ! Oh diese heimliche
Einkehr der Erde. Da um die Toten
in dem reinen Rückfall der Säfte
Kühnheit sich sammelt,
künftiger Frühlinge Kühnheit.
Wo das Erdenken geschieht
unter der Starre; wo das von den großen
Sommern abgetragene Grün
wieder zum neuen
Einfall wird und zum Spiegel des Vorgefühls;
wo die Farben der Blumen
jenes Verweilen unserer Augen vergißt.

Rainer Maria Rilke

 

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