Wie weit ist vorbei?

Mittwoch, 30. September 2009

09september030

Wie weit ist vorbei
Wie weit muss ich gehen
um uns nicht mehr zu sehen
Welcher Zug nimmt mich mit
und bringt mich nicht zurück
Welcher Arm hält mich fest
wenns deiner nicht ist
Welcher Mund hält sein Wort
und wie schnell ist sofort
wie schnell ist sofort

Wie weit ist vorbei?

Rosenstolz

 

Wir Beide

Dienstag, 29. September 2009

09september029

Wir sitzen uns gegenüber und du fragst wie es wohl weiter geht,
sollen wir reden, über Liebe woran denkst du wenn du davon sprichst
An Kerzenlicht und an einen Mond der scheint, mild, sanft, und schön
an Lachen und an Fröhlichkeit und an Hand in Hand gehen
Oder an Schräge, Blutergüsse, aufgeplatzte Lippen und Scherben
denkst du an Himmel oder Hölle, an fliegen oder Fußboden kriechen
Ein Teil von mir bleibt für immer in dir
und ein Teil von dir steckt für immer in mir
Ich bin dein Fehltritt, und dein Irrtum
ich bin der mit dem schlechten Ruf und
all den leeren Versprechen, die immer schon gelogen warn
Denn ich bin das was übrig bleibt, der Stein in deinem Schuh
ich bin all die Bitternis, die dich so oft heimsucht
Ich bin Enttäuschung und Vergangenheit, all die nicht gelebten Träume
der Geruch auf deiner schönen Haut den du nicht abwaschen kannst
Und so ein harter Boden, auf dem wir jetzt gelandet sind
würden wir uns wiederholen, haben wir uns beide verdient.

DTH

 

Borgeby-Gård (Der Apfelgarten)

Montag, 28. September 2009

09september028

Komm gleich nach dem Sonnenuntergange,
sieh das Abendgrün des Rasengrunds;
ist es nicht, als hätten wir es lange
angesammelt und erspart in uns,

um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,
neuer Hoffnung, halbvergessnem Freun,
noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,
in Gedanken vor uns hinzustreun

unter Bäume wie von Dürer, die
das Gewicht von hundert Arbeitstagen
in den überfüllten Früchten tragen,
dienend, voll Geduld, versuchend, wie

das, was alle Maße übersteigt,
noch zu heben ist und hinzugeben,
wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wächst und schweigt.

Rainer Maria Rilke

 

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn

Sonntag, 27. September 2009

09september027

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn:
So weit im Leben ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Friedrich Hebbel

 

Fülle

Samstag, 26. September 2009

09september026

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!

Conrad Ferdinand Meyer

 

O trübe diese Tage nicht

Freitag, 25. September 2009

09september025

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man’s nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz,
O sorge, dass uns keine fehlt
Und gönn‘ uns jede Stunde ganz.

Theodor Fontane

 

Herbstgefühl

Donnerstag, 24. September 2009

09september024

Müder Glanz der Sonne!
Blasses Himmelblau!
Von verklungner Wonne
Träumet still die Au.

An der letzten Rose
Löset lebenssatt
Sich das letzte lose,
Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben
Schleicht sich durch den Hain!
Auch Vergehn’n und Sterben
Däucht mir süß zu sein.

Friedrich Karl von Gerok

 

Im Herbst

Mittwoch, 23. September 2009

09september023

Ein Riesenspinngewebe, zieht
Altweibersommer durch die Welt sich; –
und der Laurenziberg gefällt sich
im goldig-bräunlichen Habit.

Weil er so mild herübersieht,
sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,
die Sonne hinter seinem Rücken
schon frühe ihr Valladolid.

Rainer Maria Rilke

 

Herbstanfang

Dienstag, 22. September 2009

09september022

Noch ahnst du nichts vom Herbst des Haines,
drin lichte Mädchen lachend gehn;
nur manchmal küsst wie fernes, feines
Erinnern dich der Duft des Weines, –
sie lauschen, und es singt wohl eines
ein wehes Lied vom Wiedersehn.

In leiser Luft die Ranken schwanken,
wie wenn wer Abschied winkt. – Am Pfad
stehn alle Rosen in Gedanken;
sie sehen ihren Sommer kranken,
und seine hellen Hände sanken
leise von seiner reifen Tat.

Rainer Maria Rilke

 

Morgens auf dem Weg zur Arbeit

Montag, 21. September 2009

09september021

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse

 

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