Einsamer nie

Montag, 31. August 2009

09august031

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde – im Gelände
die roten und die goldenen Brände
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge –
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Gottfried Benn

 

Kindheitsmuster

Sonntag, 30. August 2009

09august030

„Du weinst um das Nachlassen …
und, so unglaublich es sein mag,
den unvermeintlichen Verfall der Sehnsucht.“

Christa Wolf

 

Sommers Neige

Samstag, 29. August 2009

09august029

Schon sind die längsten Tage voll Duft und Glanz verglüht,
Schon am bestaubten Hage die Rosen abgeblüht,
Auch dieses Sommers Wonnen, im Flug gekostet kaum,
Verschwunden und zerronnen, vorüber, wie ein Traum!

Ein Heer von Rosen blühte, nicht Eine ward gepflückt,
Der längste Tag verglühte, kaum hab ich ihn erblickt;
Das Lied der Nachtigallen, kaum hab ich ihm gelauscht,
Mit seinen Wonnen allen ist bald das Jahr verrauscht.

In meinen Kinderzeiten wie endlos war ein Jahr,
Wo neue Seligkeiten ein jeder Tag gebar!
Wie in der Rose Grunde die Biene sich vergräbt,
So hab ich jede Stunde durchkostet und durchlebt.

Nun aber fliehn wie Schatten in trübem Einerlei
Die Jahre mir am matten, am satten Geist vorbei;
Die Klage tönt vergebens, nur schneller ohne Ruh
Drängt sich der Strom des Lebens dem letzten Sturze zu.

Wohlan, mein Strom, so stürze dich mutig in dein Grab,
Wohlan, mein Gott, so stürze der Rage Rest mir ab,
Verklungen und gewesen ist dann so Lust, als Leid,
Und, von der Zeit genesen, atm‘ ich die Ewigkeit.

Karl Gerok

 

Die Rosen im Garten

Freitag, 28. August 2009

09august028

Die Rosen im Garten blühn zum zweiten Mal.
Täglich schießen sie in dicken Bündeln
In die Sonne. Aber
die schwelgerische Zartheit ist dahin,
Mit der ihr erstes Blühen sich im Hof
des weiß und roten Sternenfeuers wiegte.
Sie springen gieriger,
wie aus aufgerissenen Adern strömend,
Über das heftig
aufgeschwellte Fleisch der Blätter.
Ihr wildes Blühen
ist wie Todesröcheln,
Das der vergehende Sommer
in das ungewisse Licht des Herbstes trägt.

Ernst Stadler

 

Sommerende

Donnerstag, 27. August 2009

09august027

Der Sommer war so wie dein Haus,
drin weißt du alles stehn –
jetzt mußt du in dein Herz hinaus
wie in die Ebene gehn.
Die große Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.

Rainer Maria Rilke

 

Sommerfülle

Mittwoch, 26. August 2009

09august026

Trotz der drückenden Wärme dieser Tage bin ich viel draussen. Ich weiss nur allzugut, wie flüchtig diese Schönheit ist, wie schnell sie Abschied nimmt, wie plötzlich ihre süsse Reife sich zu Tod und Welke wandeln kann. Und ich bin so geizig, so habgierig dieser Spätsommerschönheit gegenüber! Ich möchte nicht nur alles sehen, alles fühlen, alles riechen und schmecken, was diese Sommerfülle meinen Sinnen zu schmecken anbietet; ich möchte es rastlos und von plötzlicher Besitzlust ergriffen auch aufbewahren und mit in den Winter, die kommenden Jahre und Tage des Alters nehmen. Ich bin sonst nicht eben eifrig im Besitzen, ich trenne mich leicht und gebe leicht weg. Aber jetzt plagt mich ein Eifer des Festhaltenwollens, über den ich zuweilen selber lächeln muss. Im Garten auf der Terrasse, am Türmchen unter der Wetterfahne, setze ich mich Tag für Tag stundenlang fest, plötzlich unheimlich fleissig geworden und mit Bleistift und Feder, mit Pinsel und Farben versuche ich dies und jenes von dem blühenden und schwindenden Reichtum beiseite zu bringen. Ich zeichne mühsam die morgendlichen Schatten auf der Gartentreppe nach und die Windungen der dicken Glyzinienschlangen und versuche, die fernen, gläsernen Farben der Abendberge nachzuahmen, die so dünn wie ein Hauch und doch so strahlend wie Juwelen sind. Müde komme ich dann nach Hause, sehr müde, und wenn ich am Abend meine Blätter in die Mappe lege, macht es mich beinah traurig zu sehen, wie wenig von allem ich mir notieren und aufbewahren konnte.

Hermann Hesse

 

Spätsommernacht (3 Uhr)

Dienstag, 25. August 2009

09august025

Die Nacht ist so klar, fast unwirklich glänzt der Himmel
noch ist es so warm um barfuß im Gras zu laufen –
unzählige Sterne leuchten mir den Weg im Garten.
Der Sommer verneigt sich noch einmal vor dem kommenden Herbst –
und alles ist nur ein Vorgeschmack auf das was kommen soll… (RMR)
Ich weiß nicht, was kommen wird –
in diesem Herbst, in meinem Herbst.

Der schwarze Schwan kommt angeflogen,
Phil Collins reicht heute nicht mehr zum Weinen.
Ich freue mich jeden Tag über die Astern im Garten,
jeden Tag blüht eine neue auf – behutsam in die Hand nehmend
verkörpern sie Kindheit und so viele Erinnerungen,
Sehnsucht nach Herbst, nach Wolken und Wind,
Nebel und den Geruch von feuchtem Laub.

Athlete leitet den Herbst ein, meinen Herbst
der eigentlich schon längst begonnen hat
und trotzdem ist der Himmel noch so klar, so offen.
Fast blenden die Sterne und wenn ich die Augen schließe –
bleibt das Licht, die Erinnerung, die Musik – und das Gefühl.

Wo ist der Glanz meiner Dahlie in diesem Jahr?
Sie wirkt farblos und traurig, wo ist die Kraft geblieben –
vom letzten Herbst – das Strahlen bis in den November hinein.

Die Nacht ist so klar, fast unwirklich glänzt der Himmel
noch ist es so warm um barfuß im Gras zu laufen –
unzählige Sterne leuchten mir den Weg im Garten.
Der Sommer verneigt sich noch einmal vor dem kommenden Herbst –
und ich beuge mich dir – ich erwarte dich mit offenen Armen.

Komm Herbst, komm…

 

Traum

Montag, 24. August 2009

09august024

Aus einem argen Traume aufgewacht
Sitz ich im Bett und starre in die Nacht.
Mir graut vor meiner eignen Seele tief,
Die solche Bilder aus dem Dunkel rief.
Die Sünden, die ich da im Traum getan,
Sind sie mein eigen Werk? Sind sie nur Wahn?
Ach, was der schlimme Traum mir offenbart,
Ist bitter wahr, ist meine eigne Art.
Aus eines unbestochenen Richters Mund
Ward mir ein Flecken meines Wesens kund.
Zum Fenster atmet kühl die Nacht herein
Und schimmert nebelhaft in grauem Schein.
O süßer, lichter Tag, komm du heran
Und heile, was die Nacht mir angetan!
Durchleuchte mich mit deiner Sonne, Tag,
Daß wieder ich vor dir bestehen mag!
Und mache mich, ob’s auch in Schmerzen sei,
Vom Grauen dieser bösen Stunde frei!

Hermann Hesse

 

Manchmal sind die Dinge gar nicht so

Sonntag, 23. August 2009

09august023

Manchmal sind die Dinge gar nicht so
Wie man sich’s vorgestellt hat
Sondern besser
Manchmal ist das einzige was zählt
Dass ich nicht nachdenke
Sondern vergesse
Mach die Lichter an

Wahrheit ist doch nur was für Idioten
Lass uns lügen
Nur einen Tag lang
Wenn ich mich fangen lass
Dann nur vom Leben
Wär‘ ich Pilot würden wir
Niemals landen
Schalt die Motoren an ……

Rosenstolz

 

Lass sie nur reden!

Samstag, 22. August 2009

09august022

Jeder hat es ja gewusst
jeder hat es ja geahnt
dass mit dir etwas nicht stimmt
lass sie nur reden
Wenn du etwas anders bist
als der ganze lahme Rest
wird die Stadt langsam nervös – egal
lass sie nur reden
Lass sie reden
und wir leben dafür laut
denn gerade weil du anders bist
weil du ein wenig seltsam bist
lieb ich dich noch mehr
lieb ich dich so sehr
ich halt dich fest
mir geht es wie dir
Das Gerede von Moral
was mir immer schon egal
und ich zieh mich langsam aus – für mich
und lass sie reden
In der Nacht kann es geschehn
dass ich in fremde Augen seh
und dann muss ich mit dir gehn – egal
lass sie nur reden…

Rosenstolz

 

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