Blaue Hortensie

Dienstag, 30. Juni 2009

09juni030

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke

 

Rosa Hortensie

Montag, 29. Juni 2009

09juni029

Wer nahm das Rosa an? Wer wusste auch,
dass es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.
Dass sie für solches Rosa nichts verlangen.
Bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?
Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erführe vom Verblühn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.

Rainer Maria Rilke

 

Ideale

Sonntag, 28. Juni 2009

09juni028

Sind denn Ideale zum Erreichen da?
Leben wir denn, wir Menschen, um den Tod abzuschaffen?
Nein, wir leben, um ihn zu fürchten und dann wieder zu lieben,
und gerade seinetwegen glüht das bißchen Leben manchmal eine Stunde lang so schön.

Hermann Hesse

 

Wenn der Himmel brennt pt. II

Samstag, 27. Juni 2009

09juni027

O reine, wundervolle Schau,
wenn du aus Purpurrot und Gold
Dich ebnest friedvoll, ernst und hold,
Du leuchtendes Späthimmelblau!
Du mahnst an eine blaue See,
Darauf das Glück vor Anker hält
Zu seliger Rast. Vom Ruder fällt
Der letzte Tropfen Erdenweh.

Hermann Hesse

 

Wenn der Himmel brennt pt. I

Freitag, 26. Juni 2009

09juni026

Bei Nacht im Freien unterwegs zu sein,
unter dem schweigenden Himmel,
an einem still strömenden Gewässer,
das ist stets geheimnisvoll und regt die Gründe der Seele auf.

Hermann Hesse

 

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum

Donnerstag, 25. Juni 2009

09juni025

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,
dort wo die Alten sich zu Abend setzen,
und Herde glühn und hellen ihren Raum.
Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort wo die Abendglocken klar verlangen
und Mädchen, vom Verhallenden befangen,
sich müde stützen auf den Brunnensaum.
Und eine Linde ist mein Lieblingsbaum;
und alle Sommer, welche in ihr schweigen,
rühren sich wieder in den tausend Zweigen
und wachen wieder zwischen Tag und Traum…

Rainer Maria Rilke

 

Rheinauen

Mittwoch, 24. Juni 2009

09juni024

Es ist sehr wichtig, allein spazieren zu gehen, unter einem Baum oder auf einer Wiese zu sitzen – nicht mit einem Buch, nicht mit einem Gefährten, sondern ganz für sich allein – und das Fallen eines Blattes zu beobachten, das Schwappen des Wassers, das Lied eines Kindes zu hören, den Flug eines Vogels zu beobachten und den Ihrer eigenen Gedanken, wie sie sich im Raum Ihres Geistes jagen. Falls Sie fähig sind, allein zu sein und diese Dinge zu beobachten, werden Sie außergewöhnliche Reichtümer entdecken, die keine Regierung besteuern kann, die keine menschliche Institution korrumpieren kann und die niemand zerstören kann.

Jiddu Krishnamurti [Antworten auf Fragen des Lebens]

 

Windgeschenke

Dienstag, 23. Juni 2009

09juni022

Die Luft ein Archipel von Duftinseln.
Schwaden von Lindenblüten und sonnigem Heu,
süß vertraut, stehen und warten auf mich
als umhüllten mich Tücher, von lange her
aus sanftem Zuhaus von der Mutter gewoben.
Ich bin wie im Traum
und kann den Windgeschenken kaum glauben.
Wolken von Zärtlichkeit fangen mich ein,
und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.

Hilde Domin

 

Zwei einsam lodernde Flammen

Montag, 22. Juni 2009

09juni022

Es flüstert in dämmriger Stunde
In welken Blättern der Wind:
Das ist eine traurige Kunde
Von zweien Herzen, mein Kind.
Sie fanden sich nimmer zusammen
Zu leuchten im seligem Schein,
Zwei einsam lodernde Flammen
Verglühten in Sehnsucht allein.

Heinrich Seidel

 

Lächeln

Sonntag, 21. Juni 2009

09juni021

Oft geschieht es, dass ich Leute treffe,
die sich früher einmal mit mir kannten.
Und dann kann ich mich nicht mehr erinnern,
wenn sie mir auch Ort und Namen nannten.
Auch wenn sie von sich und uns erzählen,
hör ich zu und alles bleibt verhangen.
Bis sie lächeln. Dann erst weiß ich wieder.
Denn ihr Lächeln ist in mir aufgegangen.
Keiner kann das Lächeln eines Anderen.
Darin muss er in sich selber bleiben.
So wird alles klar. Mit ihrem Lächeln
seh ich die Erinnerungen treiben.

Heinz Kahlau

 

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