Walpurgis

Donnerstag, 30. April 2009

09april030

Am Kreuzweg weint die verlassene Maid,
Sie weint um verlassene Liebe.
Die klagt den fliegenden Wolken ihr Leid,
Ruft Himmel und Hölle zu Hülfe. –
Da stürmt es heran durch die finstere Nacht,
Die Eiche zittert, die Fichte kracht,
Es flattern so krächzend die Raben.

Am Kreuzweg feiert der Böse sein Fest,
Mit Sang und Klang und Reigen:
Die Eule rafft sich vom heimlichen Nest
Und lädt viel luftige Gäste.
Die stürzen sich jach durch die Lüfte heran,
Geschmückt mit Distel und Drachenzahn,
Und grüßen den harrenden Meister.

Und über die Heide weit und breit
Erschallt es im wilden Getümmel.
»Wer bist du, du schöne, du lustige Maid?
Juchheisa, Walpurgis ist kommen!
Was zauderst du, Hexchen, komm, springe mit ein,
Sollst heute des Meisters Liebste sein,
Du schöne, du lustige Dirne!«

Der Nachtwind peitscht die tolle Schar
Im Kreis um die weinende Dirne,
Da packt sie der Meister am goldenen Haar
Und schwingt sie im sausenden Reigen,
Und wie im Zwielicht der Auerhahn schreit,
Da hat der Teufel die Dirne gefreit
Und hat sie nimmer gelassen.

Theodor Storm

 

Wie eine Welle

Mittwoch, 29. April 2009

09april029

Wie eine Welle, die vom Schaum gekränzt
Aus blauer Flut sich voll Verlangen reckt
Und müd und schön im großen Meer verglänzt –
Wie eine Wolke, die im leisen Wind
Hinsegelnd aller Pilger Sehnsucht weckt
Und blaß und silbern in den Tag verrinnt –
Und wie ein Lied am heißen Straßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichem Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –
So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit.

Hermann Hesse

 

Vergänglichkeit

Montag, 27. April 2009

09april027

Weil ich als Kind
die Wälder schweigen und wachsen sah,
konnte ich immer ein stilles Lächeln
für das aufgeregte Treiben haben,
mit dem die Menschen ihre vergänglichen Häuser bauen.

Ernst Wiechert

 

Die Sonne glänzt

Sonntag, 26. April 2009

09april026

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Friedrich Hölderlin

 

Arbor Day (Tag des Baumes)

Samstag, 25. April 2009

09april025

Sag ich`s euch, geliebte Bäume?
Die ich ahndevoll gepflanzt,
Als die wunderbarsten Träume
Morgenrötlich mich umtanzt.
Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,
Die so schön mich wiederliebt,
Die den reinsten meiner Triebe
Mir noch reiner wiedergibt.

Wachset wie aus meinem Herzen,
Treibet in die Luft hinein,
Denn ich grub viel Freud und Schmerzen
Unter eure Wurzeln ein.
Bringet Schatten, traget Früchte,
Neue Freude jeden Tag;
Nur daß ich sie dichte, dichte,
Dicht bei ihr genießen mag.

Johann Wolfgang v. Goethe

„Andere Festtage dienen der Erinnerung, der Tag des Baumes weist in die Zukunft“
Julius Sterling Morton, Begründer des Arbor-Day

 

Schattenrisse

Freitag, 24. April 2009

09april024

Nicht so sehr der neue Schimmer tats,
Daß wir meinen, Frühling mitzuwissen,
Als ein Spiel von sanften Schattenrissen
Auf der Klärung eines Gartenpfads.

Schatten eignet uns den Garten an.
Blätterschatten lindert unsern Schrecken,
Wenn wir in der Wandlung, die begann,
Uns schon vorverwandelter entdecken.

Rainer Maria Rilke

 

Letzter Frühling

Donnerstag, 23. April 2009

09april023

Nimm die Forsythien tief in dich hinein
und wenn der Flieder kommt, vermisch auch diesen
mit deinem Blut und Glück und Elendsein,
dem dunklen Grund, auf den du angewiesen.
Langsame Tage. Alles überwunden.
Und fragst du nicht, ob Ende, ob Beginn,
dann tragen dich vielleicht die Stunden
noch bis zum Juni mit den Rosen hin.

Gottfried Benn

 

Aber was mir im eigenen Herzen geschrieben

Mittwoch, 22. April 2009

09april022

Es fahren leise junge Wolken durchs Blaue, Kinder singen und Blumen lachen im Gras;
meine müden Augen, wohin ich schaue, wollen vergessen, was ich in Büchern las.
Wahrlich alles Schwere, das ich gelesen, stäubt hinweg und war nur ein Winterwahn,
meine Augen schauen erfrischt und genesen eine neue, erquellende Schöpfung an.
Aber was mir im eigenen Herzen geschrieben
von der Vergänglichkeit aller Schöne steht,
ist von Frühling zu Frühling stehen geblieben,
wird von keinem Wind mehr weggeweht.

Hermann Hesse

 

Dryade

Dienstag, 21. April 2009

09april021

Birke, kühl
Von Säften, Baum, der Atem
In meinen Händen, gespannt
Rinde, weiches Glas,
aber zu spüren tiefer
Regung, die Dehnung hinauf
Im Stamm
den Verzweigungen zu –
Lass,
in den Nacken hinab,
lass fallen dein Haar, ich hör
in meinen Händen, ich hör
durch die Kühle, ich hör ein Wehen,
hör anheben Strömung,
steigende Flut,
den Taumel
singen im Ohr.

Johannes Bobrowski

 

Ein Frühlingswind

Montag, 20. April 2009

09april020

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden -: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

…. Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.
Rainer Maria Rilke

 

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