Sprache des Frühlings

Dienstag, 31. März 2009

09maerz031

Jedes Kind weiß, was der Frühling spricht:
Lebe, wachse, blühe, hoffe, liebe,
Freue dich und treibe neue Triebe,
Gib dich hin und fürcht das Leben nicht!

Jeder Greis weiß, was der Frühling spricht:
Alter Mann, lass dich begraben,
Räume deinen Platz den muntern Knaben,
Gib dich hin und fürcht das Sterben nicht!

Hermann Hesse

 

Frühling ist wiedergekommen

Montag, 30. März 2009

08maerz030

Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
viele, o viele…. Für die Beschwerde
langen Lernens bekommt sie den Preis.
Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
an dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!
Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.
O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
schwierigen Stämmen: sie singts, sie singts!

Rainer Maria Rilke

 

Trauriger Frühling

Freitag, 27. März 2009

09maerz027

Mir ist’s im Kopf so wüste,
Die Zeit wird mir so lang,
Wie auch der Lenz mich grüßte
Mit Glanz und frischem Klang,
Das Herz bleibt mir so wüste,
Mir ist so sterbensbang.
Viel Vöglein lockend sangen
Im blühenden Revier,
Ich hatt mir eins gefangen,
Jetzt ist es weit von mir,
Viel Vöglein draußen sangen,
Ach, hätt ich meins nur hier!

Joseph von Eichendorff

 

Winter ist zurück

Donnerstag, 26. März 2009

09maerz026

Blättert zurück in euren Tagebüchern. War da nicht immer um die Frühlinge eine Zeit, da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf betraf? Es war Lust zum Frohsein in euch, und doch, wenn ihr hinaustratet in das geräumige Freie, so entstand draußen eine Befremdung in der Luft, und ihr wurdet unsicher im Weitergehen wie auf einem Schiffe. Der Garten fing an; ihr aber (das war es), ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr; für euch war es bestenfalls eine Fortsetzung. Während ihr wartetet, daß eure Seele teilnähme, empfandet ihr plötzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas wie die Möglichkeit, krank zu werden, drang in euer offenes Vorgefühl. Ihr schobt es auf euer zu leichtes Kleid, ihr spanntet den Schal um die Schultern, ihr lieft die Allee bis zum Schluß: und dann standet ihr, herzklopfend, in dem weiten Rondell, entschlossen mit alledem einig zu sein. Aber ein Vogel klang und war allein und verleugnete euch. Ach, hättet ihr müssen gestorben sein?

Vielleicht. Vielleicht ist das neu, daß wir das überstehen: das Jahr und die Liebe. Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden.
Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden. Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit. Was ist uns ein Jahr? Was sind alle? Noch eh wir Gott angefangen haben, beten wir schon zu ihm: laß uns die Nacht überstehen.

Und dann das Kranksein. Und dann die Liebe.

Rainer Maria Rilke

 

Schmerz

Mittwoch, 25. März 2009

09maerz025

Schmerz ist ein Meister, der uns klein macht,
Ein Feuer, das uns ärmer brennt,
Das uns vom eigenen Leben trennt,
das uns umlodert und allein macht.
Weisheit und Liebe werden klein,
Trost wird und Hoffnung dünn und flüchtig;
Schmerz liebt uns wild und eifersüchtig,
Wir schmelzen hin und werden Sein.
Es krümmt die irdne Form, das Ich,
Und wehrt und sträubt sich in den Flammen.
Dann sinkt sie still in Staub zusammen
Und überläßt dem Meister sich.

Hermann Hesse

 

Schicksalstage

Dienstag, 24. März 2009

09maerz024

Wenn die trüben Tage grauen, kalt und feindlich blickt die Welt,
Findet scheu sich dein Vertrauen ganz auf dich allein gesellt.
Aber in dich selbst verwiesen aus der alten Freunden Land,
Siehst du neuen Paradiesen deinen Glauben zugewandt.
Als dein Eigenstes erkennst du, was dir fremd und feind erschien,
Und mit neuen Namen nennst du dein Geschick und nimmst es hin.
Was dich zu erdrücken drohte, zeigt sich freundlich, atmet Geist,
Ist ein Führer, ist ein Bote, der dich hoch und höher weist.

Hermann Hesse

 

Wind

Montag, 23. März 2009

09maerz023

Ich liebe diesen Wind,
diesen weiten verwandelnden Wind, der dem Frühling vorangeht,
ich liebe das Geräusch des Windes und seine ferne Gebärde,
die mitten durch alle Dinge geht als wären sie nicht.

Rainer Maria Rilke

 

Tulpen

Sonntag, 22. März 2009

09maerz022

Euch, schöne Schwestern, liebe ich mit Neid,
Denn euer Leben scheint so sanft und selig,
Ihr seid der Erde Schimmer und Geschmeid,
Schmückt sie mit Farben kostbar und unzählig.

Das Sonnenlicht strahlt wärmer und beseelt,
Darf es in euren Farbenkelchen glühen;
Ach, alles was uns Menschentieren fehlt,
Sehn wir in euch rein und vollendet blühen.

Aus schönen Kinderaugen strahlet ihr
Der Erdenmutter liebevolle Treue;
Wir lieben euch, und dennoch brechen wir
Und töten euch – und fühlen keine Reue.

Hermann Hesse

 

Jeden Morgen

Samstag, 21. März 2009

09maerz021

Jeden Morgen in meinem Garten
öffnen neue Blüten sich dem Tag.
Überall ein heimliches Erwarten,
das nun länger nicht mehr zögern mag.

Matthias Claudius

 

Faustus (Frühlingsanfang)

Freitag, 20. März 2009

09maerz020

Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt
Und sich die Ansicht wieder verschönt und sich
An Bergen, wo die Bäume grünen,
Hellere Lüfte, Gewölke zeigen.

Friedrich Hölderlin

Wenn ich am Morgen fahre, beginnt es schon zu dämmern – die Vögel singen laut und es geht auf Ostern zu. Es wird (wieder) Zeit, den FAUST heraus zu holen.
Ich grüße Dich, Du einzige Phiole…….

 

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