Es ist nichts!

Freitag, 27. Februar 2009

09februar027

Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz,
Nur ein Gefühl, empfunden eben;
Und dennoch spricht es stets darein,
Und dennoch stört es dich zu leben.
Wenn du es andern klagen willst,
So kannst du’s nicht in Worte fassen.
Du sagst dir selber: „Es ist nichts!“
Und dennoch will es dich nicht lassen.

Theodor Storm

 

Gicht

Donnerstag, 26. Februar 2009

09februar026

An Tagen, wo ich meine Finger biegen kann,
vergehen mit Verschreiben mir die Stunden,
Und wenn ich einen guten Vers gefunden,
Geht mich die Welt, die Gicht, der Schmerz nichts an.
An anderen Tagen geht das Schreiben nicht.
Dann lausch ich dem, er tief in meinen Knochen
Sich dehnt und immer weiter kommt gekrochen,
Es ist der Tod, doch nennen wir ihn Gicht.
Ich lieb ihn nicht, oft liegen wir im Streit.
Doch weiß ich manchmal, dass er nicht im Bösen
Sich um mich müht. Sein Amt ist das Erlösen,
Und willig folg ich eine Strecke weit.
Wenn wir einst ganz versöhnt und einig sind,
Dann werd ich ihn nicht Gicht, nicht Tod mehr nennen.
Als ewige Mutter werd ich ihn erkennen,
Als Liebe seinen Ruf, und mich als Kind.

Hermann Hesse

 

Aschermittwoch

Mittwoch, 25. Februar 2009

09februar025

Wirf den Schmuck, schönbusiges Weib, zur Seite,
Schlaf und Andacht teilen den Rest der Nacht nun;
Lass den Arm, der noch die Geliebte festhält,
Sinken, o Jüngling!
Nicht vermummt mehr schleiche die Liebe, nicht mehr
Tret im Takt ihr schwebender Fuß den Reigen,
Nicht verziehn mehr werde des leisen Wortes
Üppige Keckheit!
Mitternacht ankünden die Glocken, ziehn euch
Rasch vom Mund weg Küsse zugleich und Weinglas:
Spiel und Ernst trennt stets ein gewagter, kurzer,
Fester Entschluss nur.

August von Platen

 

Schattenküsse, Schattenliebe (Fastnacht)

Dienstag, 24. Februar 2009

09februar024

Schattenküsse, Schattenliebe, Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe unverändert, ewig wahr?
Was wir lieblich fest besessen,
schwindet hin, wie Träumerein,
Und die Herzen, die vergessen,
und die Augen schlafen ein.

Heinrich Heine

 

Narretei (Rosenmontag)

Montag, 23. Februar 2009

09februar023

Torheiten begangen, Torheiten gemacht,
Ich mache deren noch immer.
Ich hab‘ sie gemacht bei Tag und bei Nacht,
Die nächtlichen waren noch schlimmer.
Ich hab sie gemacht zu Wasser und Land,
Im Freien wie im Zimmer.
Ich machte viele sogar mit Verstand,
Die waren noch viel dümmer.

Heinrich Heine

 

Morgensonne im Winter

Sonntag, 22. Februar 2009

09februar022

Auf den eisbedeckten Scheiben
fängt im Morgensonnenlichte
Blum und Scholle an zu treiben.
Löst in diamantnen Tränen
ihren Frost und ihre Dichte,
rinnt herab in Perlensträhnen.
Herz, o Herz, nach langem Wähnen
laß auch deines Glücks Geschichte
diamantne Tränen schreiben!

Christian Morgenstern

 

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang

Samstag, 21. Februar 2009

09februar021

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist’s, daß ich auf einmal nun in dir von sanfter Wollust meines Daseins glühe?
Und welch Gefühl entzückter Stärke, indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt, fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht, der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist’s ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
– Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!
Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
Die Purpurlippe, die geschlossen lag, haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der Tag
Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Eduard Mörike

 

Gefrorene Tränen

Freitag, 20. Februar 2009

09februar020

Gefrorne Tropfen fallen von meinen Wangen ab:
Ob es mir denn entgangen, daß ich geweinet hab‘?
Ei Tränen, meine Tränen, und seid ihr gar so lau,
Daß ihr erstarrt zu Eise wie kühler Morgentau?
Und dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß,
Als wolltet ihr zerschmelzen des ganzen Winters Eis!

Wilhelm Müller

 

Komm, holder Schnee…

Donnerstag, 19. Februar 2009

09februar019

Komm, holder Schnee! Verschütte dies schwere Herz!
Mit deiner Gnade zaubre die Träne starr,
so aus der ewigen Quelle rinnet,
täglich geboren, geliebt noch immer.
O gib, daß mir aus dieser verlorenen Qual,
der bittern, werde das große, das ernste Grab,
darin ich mich zur Ruhe finde:
weinende, liebend erlöste Seele.

Walter Rheiner

 

Schnee

Mittwoch, 18. Februar 2009

09februar018

Schnee, zärtliches Grüßen der Engel,
schwebe, sinke – breit alles in Schweigen und Vergessenheit!
Gibt es noch Böses, wo Schnee liegt?
Verhüllt, verfernt er nicht alles zu Nahe und Harte
mit seiner beschwichtigenden Weichheit, und dämpft selbst die Schritte des Lautesten in Leise?

Schnee, zärtliches Grüßen der Engel,
den Menschen, den Tieren! –
Weißeste Feier der Abgeschiedenheit.

Francisca Stoecklin

 

Previous Page »