Silvester

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Daß bald das neue Jahr beginnt, spür ich nicht im geringsten.
Ich merke nur: Die Zeit verrinnt genauso wie zu Pfingsten.

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt in heimlichen Geweben.
Wenn heute nacht ein Jahr beginnt, beginnt ein neues Leben.

Joachim Ringelnatz

 

Das war es.

Dienstag, 30. Dezember 2008

Und du wartest, erwartest das Eine, das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine, das Erwachen der Steine, Tiefen, dir zugekehrt.
Es dämmern im Bücherständer die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder, an Bilder,
an die Gewänder wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

Rainer Maria Rilke

 

… ein Jahr

Montag, 29. Dezember 2008

Lief durch den Frühling
die duftenden Wiesen,
sprang durch den Sommer,
der singend mich rief;
schritt durch die Herbstzeit,
als Stürme rings bliesen;
ging durch den Winter
und atmete tief.
Kindheit und Jugend
sind längst vergangen.
Herbstzeit führt zügig
dem Alter entgegen.
Was wir verschenken,
entspricht dem Empfangen.
Wachsen und Werden ist Gnade und Segen.

(c) Josef Butscher

 

Jahresringe

Sonntag, 28. Dezember 2008

Wenn ein Baum umgesägt worden ist und seine nackte Todeswunde der Sonne zeigt, dann kann man auf der lichten Scheibe seines Stumpfes und Grabmals seine ganze Geschichte lesen:
In den Jahresringen und Verwachsungen steht aller Kampf, alles Leid, alle Krankheit,
alles Glück und Gedeihen treu geschrieben, schmale Jahre und üppige Jahre, überstandene Angriffe,
überdauerte Stürme. Und jeder Bauernjunge weiß, dass das härteste und edelste Holz die engsten
Ringe hat, dass hoch auf Bergen und in immer währender Gefahr die unzerstörbarsten, kraftvollsten,
vorbildlichsten Stämme wachsen.

Hermann Hesse

 

Glaub nicht…

Samstag, 27. Dezember 2008

Glaub nicht, dass ich Weihnachten ganz ohne Dich zugebracht habe; Deine Klage that mir Unrecht, und so hast Du sie schnell mit einer Tröstung eingeholt.
Die Dinge, die Du mir versprichst, hab ich noch nicht; aber wunderbare Freude, sie zu erwarten. Auch en kleiner Gegenstand, den ich Dir bestimmt habe, muß sich verspäten, vielleicht noch um eine Woche, vielleicht um zwei-, es war etwas zu handwerkern an ihm, das braucht jetzt Weile. Geduldest Du Dich?
Fast sehe ich Dich nicht in  Geduld, außer, wenn ich an jene Stille denke mitten in Deiner Zärtlichkeit.
Segne mir das Jahr, in Deinem Herzen und, wenn Du soweit bist, so reich mir Ruhe herüber, Zukunft und Natur: diese drei.

Rainer Maria Rilke (Goll)

 

Weihnachten (2. Weihnachtstag)

Freitag, 26. Dezember 2008

Die Winterstürme durchdringen die Welt mit wütender Macht.
Da sinkt auf schneeigen Schwingen die tannenduftende Nacht.
Da schwebt beim Scheine der Kerzen ganz leis nur, kaum, dass du´s meinst,
durch arme irrende Herzen der Glaube – ganz so wie einst.
Da schimmern im Auge Tränen, du fliehst die Freude – und weinst,
der Kindheit gedenkst du mit Sehnen, oh, wär es noch so wie einst!
Du weinst! Die Glocken erklingen – es sinkt in festlicher Pracht
herab auf schneeigen Schwingen die tannenduftende Nacht.

Rainer Maria Rilke

 

Weihnachtsabend (1. Weihnachtstag)

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Aus dunklen Fenstern stand ich lang
Und schaute auf die weiße Stadt
Und horchte auf den Glockenklang,
Bis nun auch er versungen hat.
Nun blickt die stille reine Nacht
Traumhaft im kühlen Winterschein,
Vom bleichen Silbermond bewacht,
In meine Einsamkeit herein.
Weihnacht! – Ein tiefes Heimweh schreit
Aus meiner Brust und denkt mit Gram
An jene ferne, stille Zeit,
Da auch für mich die Weihnacht kam.
Seither voll dunkler Leidenschaft
Lief ich auf Erden kreuz und quer
In ruheloser Wanderschaft
nach Weisheit, Gold und Glück umher.
Nun rast‘ ich müde und besiegt
An meines letzten Weges Saum,
Und in der blauen Ferne liegt
Heimat und Jugend wie ein Traum.

Hermann Hesse

 

Dies ist die Nacht

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Dies ist die Nacht, da mir erschienen, des großen Gottes Freundlichkeit!
Das Kind, dem alle Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit,
Und dieses Welt- und Himmelslicht weicht hunderttausend Sonnen nicht.

Laß dich erleuchten, meine Seele, versäume nicht den Gnadenschein!
Der Glanz in dieser kleinen Höhle, streckt sich in alle Welt hinein,
Er treibet weg der Hölle Macht, der Sünden and des Kreuzes Nacht.

In diesem Lichte kannst du sehen, das Licht der klaren Seligkelt.
Wenn Sonne, Mond und Stern‘ vergehen, vielleicht schon in ganz kurzer Zeit,
Wird dieses Licht mit seinem Schein dein Himmel und dein alles sein.

Laß nur indessen helle scheinen dein Glaubens- und dein Liebeslicht;
mit Gott mußt du es treulich meinen, sonst hilft dir diese Sonne nicht.
Willst du genießen diesen Schein, so darfst du nicht mehr dunkel sein.

Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne, bestrahle mich mit deiner Gunst!
Dein Licht sei meine Weihnachtswonne und lehre mich die Weihnachtskunst,
Wie ich im Lichte wandeln soll und sei des Weihnachtsglaubens voll!

Kaspar Friedrich Nachtenhöfer

 

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr

Dienstag, 23. Dezember 2008

Da hörst du alle Herzen gehn und schlagen wie Uhren, welche Abendstunden sagen.
Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr.
Da werden alle Kinderaugen groß, als ob die Dinge wüchsen, die sie schauen
und mütterlicher werden alle Frauen und alle Kinderaugen werden groß.
Da mußt du draußen gehn im weiten Land – willst du die Weihnacht sehn, die unversehrte,
als ob dein Sinn der Städte nie begehrte, so mußt du draußen gehn im weiten Land.
Dort dämmern große Himmel über dir, die auf entfernten, weissen Wäldern ruhn,
die Wege wachsen unter deinen Schuhn, und große Himmel dämmern übern dir.
Und in den großen Himmeln steht ein Stern, ganz aufgeblüht zu selten großer Helle,
die Fernen nähern sich wie eine Welle, und in den großen Himmeln steht ein Stern.

Rainer Maria Rilke

 

Weihnachten des Alten

Montag, 22. Dezember 2008

Als ich ein Knabe war, in Weihnachtszeiten, wie war ich selig da und unersättlich,
Im Duft der Kerzen mit dem neuen Spielzeug zu spielen unterm Tannenbaum: dem Roß,
Dem Bilderbuch, der Eisenbahn, der Violine!
Und wenn auch jedes Spielzeug bald erlosch und Alltag wurde, jeder Weihnachtsbaum
War wieder neu, war Fest und Wunder, umfing mich wider mit dem Zaubernetz.

Heut weiß ich keine neuen Spiel mehr, erschöpft ist Glanz und Lust, der lange Weg
Liegt hinter mir, zerbrochenen Spielzeugs voll, die Scherben klirren. Doch die Sehnsucht malt
Mir einen letzten, höchsten Zauber noch in holden Farben aus: das letzte Fest,
Den Ausgang aus der Spiel- und Kinderwelt, den Eingang in die nächste, tief ersehnt.

Dein denk ich, wenn die leergewordne Welt um mich mit ihren farbigen Scherben flirrt,
Dein denk ich, letztes Spiel, geliebter Tod!
Aufglänzen wird noch einmal Kinderlust, noch einmal wird der dürre Christbaum blüh’n
Und Wunder strahlen, daß im dunkeln Schacht das Herz von neuer Wonne bang erquillt.
Und zwischen Kerzenglanz und Tannenduft und all dem Wust zerbrochner Spielerei’n
Wird aus dem wonnevollen Dunkel die ferne Stimme meiner Mutter rufen.

Hermann Hesse

 

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