Sand

Donnerstag, 31. Januar 2008

Ich verrinne, ich verrinne,
wie Sand, der durch die Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viel Sinne
die alle anders durstig sind.
Ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten, mitten im Herzen.

Rainer Maria Rilke

 

Verschnitten

Dienstag, 29. Januar 2008

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten, Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten, bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen, gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen, hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen, ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse

 

Gebt mir mehr Himmel

Montag, 28. Januar 2008

Schneebedecktes Land, täuschend weiße Wohligkeit.
Fallen lassen in diese Unendlichkeit, die keine ist. Nichts ist unendlich – auch nicht der Himmel.
Doch hier oben scheint immer die Sonne, blendet und wärmt mir das Gesicht.
In wenigen Minuten ist es wieder grau, ein kalter Regentag erwartet mich.
Noch einmal Augen schließen, für einen kurzen Moment noch genießen – und träumen –
gebt mir mehr Himmel:

Für mich gibt’s keine Uhr, es ist ewig schon zu spät
Steh ich mittendrin und seh ich deshalb gar nichts mehr, geht’s mir viel zu gut und fühl ich deshalb mich so leer
Denn selbst der Himmel war nur geklaut, all seine Farben zu schnell verbraucht
ich hab mich niemals fortbewegt und doch flog ich am Ziel vorbei
Mehr Himmel, gebt mir mehr Himmel…

 

Träume

Sonntag, 27. Januar 2008

Träume, die in deinen Tiefen wallen, aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoß.

Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn.

Rainer Maria Rilke

 

Glanzlichter

Donnerstag, 24. Januar 2008

Ein schöner Schluck Berlin
Glanzlichter
und eiskalter Regen, dieser verdammte Regen
schlägt dir ins Gesicht
und wie immer – Tränen könnten es sein
Was würde Richard Wagner sagen
an seinem Platz
wenn du in die Spree – spuckst?
Glanzlichter?
Du musst es selbst heraus finden – steht dort geschrieben
Harry Haller gleich irrst du durch die Straßen – [„Nur für Verrückte“]
You got it – schnell zurück,
Jacke weg, Licht aus, Augen zu, Musik an – „Somewhere Only We Know“
Na sdarowje, Mr. President … und Danke.

 

Trost (I.)

Mittwoch, 23. Januar 2008

Uns ist kein Sein vergönnt. Wir sind nur Strom, Wir fließen willig allen Formen ein:
Dem Tag, der Nacht, der Höhle und dem Dom, Wir gehn hindurch, uns treibt der Durst nach Sein.
So füllen Form um Form wir ohne Rast.
Und keine wird zur Heimat uns, zum Glück, zur Not, stets sind wir unterwegs, stets sind wir Gast,
Uns ruft nicht Feld noch Pflug, uns wächst kein Brot.
Wir wissen nicht, wie Gott es mit uns meint, er spielt mit uns, dem Ton in seiner Hand,
Der stumm und bildsam ist, nicht lacht noch weint, der wohl geknetet wird, doch nie gebrannt.
Einmal zu Stein erstarren! Einmal dauern!
Danach ist unsre Sehnsucht ewig rege, und bleibt doch ewig nur ein banges Schauern,
Und wird doch nie zur Rast auf unsrem Wege.

Hermann Hesse

 

Regentag

Montag, 21. Januar 2008

Regen schlägt an die Scheibe, Tropfen zerplatzen hart, Gedanken zereissen. Regentropfentränen –

«…das Mädchen hörte in den Blättern des Baumes Piktor ein Rauschen, es blickte zu ihm empor und empfand, mit plötzlichem Weh im Herzen, neue Gedanken, neues Verlangen, neue Träume sich im Innern regen. Von der unbekannten Kraft gezogen, setzte sie sich unter den Baum. Einsam schien er ihr zu sein, einsam und traurig und dabei schön, rührend und edel in seiner stummen Traurigkeit; betörend klang ihr das Lied seiner leise rauschenden Krone. Sie lehnte sich an den rauhen Stamm, fühlte den Baum tief erschauern, fühlte denselben Schauer im eigenen Herzen. Seltsam weh tat ihr das Herz, über den Himmel ihrer Seele liefen Wolken hin, langsam sanken aus ihren Augen die schweren Tränen. Was war doch dies? Warum musste man so leiden? Warum begehrte das Herz die Brust zu sprengen und hinüber zu schmelzen zu Ihm, in Ihn, den schönen Einsamen? »

Hermann Hesse (Piktors Verwandlungen)

 

Siddhartha

Samstag, 19. Januar 2008

Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, daß sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er von Ziel besessen ist. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.
War denn nicht alles Leiden Zeit, war nicht alles Sichquälen und Sichfürchten Zeit, war nicht alles Schwere, alles Feindliche in der Welt weg und überwunden, sobald man die Zeit überwunden hatte, sobald man die Zeit wegdenken konnte?

Hermann Hesse, Siddhartha

 

Wie?

Freitag, 18. Januar 2008

Wie soll ich meine Seele halten, daß sie nicht an deine rührt?
Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Rainer Maria Rilke

 

Zeit

Mittwoch, 16. Januar 2008

…Im Grunde glaube ich, dass Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit von dem Augenblick der Zeit abhängen, an dem man sich gerade befindet. Für die Kinder, die wir einmal waren, sind wir in diesem Moment Zukunft, aber wir sind Vergangenheit für die Menschen, die wir in zehn Jahren sein werden. Jeder Augenblick ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen. Aber natürlich ist jeder von uns in seine kleine persönliche Zeitlokomotive eingezwängt, und die Landschaft rauscht immer in derselben Richtung vorbei…
Ich glaube einfach nur, dass ich und einige andere Personen… dass wir die Fähigkeit besitzen, aus unserer persönlichen Zeitlokomotive zu entfliehen und hin und wieder in andere Lokomotiven zu springen, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten losgefahren sind.

Francois Lelord (Hector und die Entdeckung der Zeit)

 

Previous Page »