14Okt/18

listen to the moon

Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr,
so bin ich bei den ewig Einheimischen;
die vollen Tage stehn auf ihren Tischen,
mir aber ist die Ferne voll Figur.

In mein Gesicht reicht eine Welt herein,
die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond,
sie aber lassen kein Gefühl allein,
und alle ihre Worte sind bewohnt.

Die Dinge, die ich weither mit mir nahm,
sehn selten aus, gehalten an das Ihre –:
in ihrer großen Heimat sind sie Tiere,
hier halten sie den Atem an vor Scham.

Rainer Maria Rilke

12Okt/18

Draußen vor der Tür

Haben uns lang ignoriert und kaum noch akzeptiert
In dieser Zeit die für uns beide schwierig war
Warst so Gewalt, und ich so voller Hass
Wir kamen jahrelang überhaupt nicht klar
Ich wollte nie so sein wie du und wie du denkst
Heut merke ich immer wieder wie ähnlich ich dir bin
Zum Glück war’s damals nicht zu spät
Wir haben uns verziehen, der Wind hat sich gelegt
Das ist alles so lange her, so unendlich weit weg
Doch es fällt mir nicht schwer
Mich zu erinnern, wie’s beim letzten Mal war
Als wir uns noch sahen
Da draußen vor der Tür
Man sagt, und ich weiß jetzt dass es stimmt,
Dass es viele Freunde doch nur einen Vater gibt
Und heute wo du weit weg bist
Kann ich dich langsam so viel besser sehen
So wie jetzt habe ich dich früher nie vermisst
Schritt für Schritt komm‘ ich zu dir zurück
Das ist alles so lange vorbei
Doch die Bilder dieser Zeit, sie sind alle noch hier
Ein ganzes Jahr, ist eine halbe Ewigkeit
Und es ist Ewigkeiten her, da draußen vor der Tür
Das ist alles so lange her, so unendlich weit weg
Und ich habe kapiert
Dass ich dich nie, niemals verliere
Doch obwohl du mir bleibst, fehlst du mir sehr

Andreas Frege
Saisonfinale DTH (Laune der Natur 2018) Düsseldorf

11Okt/18

Hortensie

tensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden,die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau.

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuern
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke

10Okt/18

Morgensonne

O, wie im Glanz der Morgensonne
Die Welt verlockend vor mir lag!
O, wieviel Kränze, wieviel Wonne
Verhieß mir dieser junge Tag! –
Nun hab‘ ich bis zum Grund getrunken
Den Becher, den die Hoffnung bot;
Schon ist die Sonne still versunken,
Und leis verglomm das Abendrot.
Und ach! ich habe nichts gefunden
Als eines Herbsttags kalte Pracht;
Nur wenig sonnenlichte Stunden –
Und eine endlos lange Nacht.

Ernst Scherenberg

08Okt/18

Herbstgang

Die Bäume stehn der Frucht entladen,
Und gelbes Laub verweht ins Tal;
Das Stoppelfeld in Schimmerfaden
Erglänzt am niedern Mittagsstrahl.
Es kreist der Vögel Schwarm und ziehet,
Das Vieh verlangt zum Stall und fliehet
Die magern Aun, vom Reife fahl.

O geh am sanften Scheidetage
Des Jahrs zu guter Letzt hinaus
Und nenn ihn Sommertag und trage
Den letzten, schwer gefundnen Strauß.
Bald steigt Gewölk und schwarz dahinter
Der Sturm und sein Genoß, der Winter,
Und hüllt in Flocken Feld und Haus.

Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet
Die Freuden im Vorüberfliehn,
Empfängt, was kommt, unüberraschet,
Und pflückt die Blumen, weil sie blühn;
Und sind die Blumen auch verschwunden,
So steht am Winterherd umwunden
Sein Festpokal mit Immergrün.

Noch trocken führt durch Tal und Hügel
Der längstvertraute Sommerpfad.
Nur rötlich hängt am Wasserspiegel
Der Baum, den grün ihr neulich saht.
Doch grünt der Kamp von Winterkorne;
Doch grünt beim Rot der Hagedorne
Und Spillbeern unsre Lagerstatt!

So still an warmer Sonne liegend,
Sehn wir das bunte Feld hinan
Und dort, auf schwarzer Brache pflügend,
Mit Luftgepfeif, den Ackermann;
Die Krähn in frischer Furche schwärmen
Dem Pfluge nach und schrein und lärmen,
Und dampfend zieht das Gaulgespann.

Natur, wie schön in jedem Kleide!
Auch noch im Sterbekleid wie schön!
Sie mischt in Wehmut sanfte Freude,
Und lächelt tränend noch im Gehen.
Du, welkes Laub, das niederschauert,
Du Blümchen, lispelst: Nicht getrauert!
Wir werden schöner auferstehn!

Johann Heinrich Voß

07Okt/18

Morgens

Vom Taue glänzt der Rasen, beweglicher
Eilt schon die schwache Quelle; die Birke neigt
Ihr schwankes Haupt, und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen
Gewölke streifen rötliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf
Wie Fluten am Gestade, wogen
Höher und höher, die wandelbaren.
Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,
Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
Denn offner fliegt, vertrauter, dir mein
Auge, du Freudiger, zu, solang du
In deiner Schöne jugendlich blickst und noch
Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist;
Du möchtest immer eilen, könnt ich,
Göttlicher Wanderer, mit dir! – Doch lächelst
Des frohen Übermütigen du, daß er
Dir gleichen möchte; segne mir lieber denn
Mein sterblich Tun und heitre wieder
Gütiger, heute den stillen Pfad mir!

Friedrich Hölderlin

06Okt/18

Abendphantasie

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sizt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft’ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh’ und Ruh’
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühen die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb’ und Leid! –
Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Friedrich Hölderlin

05Okt/18

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke