21Okt/18

Contest

Immer vorwärts! Deine Stärke liegt in deiner eignen Brust,
nur dass du sie erst durch Werke unermüdlich wecken musst.
Tändelnd hüpft mit Lebestönen wohl der Bach durchs flache Land,
doch er stürzt mit Donnerdröhnen nieder von der Felsenwand.
Erst bei jenen Hindernissen fühlt er, dass er Stärke barg,
Eichen hat er mitgerissen!
Das bedenke! – und sei stark!
Lass nie ungenützt ein Heute rasch entfliehn bei Lust und Scherz,
manch gute Körnlein streute dir dein Schicksal in das Herz.
Lass ein jedes sorgsam reifen, denn für jedes kommt die Frist;
so erst lerne, zu begreifen wie unendlich stark du bist.
Tief aus deinem Innern ranke mählich sich zum Licht die Saat,
erst Empfindung, dann Gedanke, Wort hierauf,

und endlich: Tat!

Rainer-Maria Rilke

19Okt/18

Der scheidende Sommer

Das gelbe Laub erzittert,
Es fallen die Blätter herab;
Ach, alles, was hold und lieblich,
Verwelkt und sinkt ins Grab.
Die Gipfel des Waldes umflimmert
Ein schmerzlicher Sonnenschein;
Das mögen die letzten Küsse
Des scheidenden Sommers sein.
Mir ist, als müsst ich weinen
Aus tiefstem Herzensgrund;
Dies Bild erinnert mich wieder
An unsre Abschiedsstund‘.
Ich musste von dir scheiden,
Und wusste, du stürbest bald;
Ich war der scheidende Sommer,
Du warst der kranke Wald.

Heinrich Heine

18Okt/18

Irren und Wirren

Dich quält ein leerer Wahn der Zeiten,
Der Meinungen vielfaches Streiten
Und der Nachtreter großer Schwarm?
Und sehnend dich aus dem Gewimmel
Des Falschen blickst du auf zum Himmel,
Die Erde ist der Wahrheit arm?
Doch bleibt, was wahr und immer währet,
Was keiner Zeiten Tand zerstöret,
Was uns die inn’re Stimme spricht,
Das ist und bleibt und wanket nicht.
Verhallen mögen äuß’re Klänge,
Das leiernde Geschwätz der Menge,
Doch ewig bleibt die ew’ge Wahrheit
Und aus dem Dunkel wird es Klarheit.
D’rum trage des Geplappers Nichts:
Die Nacht ist Mutter neuen Lichts.

Benedikt Waldeck

17Okt/18

Rheinauen

Oktobertag. Die Wolken fliehn,
Der Himmel blauschimmernde Seide,
Des Herbstes lodernde Farben glühn:
Festflammen auf brauner Heide.
Am Brombeerstrauch das Purpurblatt
Umschmeichelt die glänzende Beere,
Am Heidekraut träumt bleich und matt
Verspätete Blütenähre.
Die Birke im goldenen Königsgewand
Wiegt zitternd die schwankenden Zweige.
der schlummernde Wind hebt müde die Hand
und stimmt die Spielmannsgeige.
Er richtet sich auf und harft und geigt
In den Föhren, den dunklen, herben
Und alles neigt sich und lauscht und schweigt
Dem Lied vom großen Sterben.

Theodora Korte

16Okt/18

Welkes Laub

Rings ein Verstummen, ein Entfärben –
wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
ich liebe dieses milde Sterben.
Von hinnen geht die stille Reise,
die Zeit der Liebe ist verklungen,
die Vögel haben ausgesungen –
und dürre Blätter sinken leise.
Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.
In dieses Waldes leisem Rauschen
ist mir, als hör‘ ich Kunde wehen,
daß alles Sterben und Vergehen
nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

Nikolaus Lenau

15Okt/18

Herbstwind

Durch fahlbelaubte Bäume mit müdem Ton der Herbstwind singt;
die sehnsuchtsbange Weise klingt des Nachts in meine Träume.
Ach, alle Blumendüfte, das Farbenspiel der Rosenzeit,
die ganze Sonnenseligkeit zerstoben in die Lüfte!
Verstummt ist Scherz und Kosen.
Die mir geblüht in tiefster Brust, das alte Leid, die alte Lust
sie starben mit den Rosen!
Nun will kein Stern mehr scheinen.
Der Himmel trüb und wolkenschwer, das Haupt so müd‘ das Auge leer …
Ich hab verlernt das Weinen!
Und wenn die Sehnsuchtslieder der Nachtwind auf den Fluren singt,
in meinem Herzen hallt und klingt sein traumhaft Rauschen wider.

Clara Müller

14Okt/18

listen to the moon

Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr,
so bin ich bei den ewig Einheimischen;
die vollen Tage stehn auf ihren Tischen,
mir aber ist die Ferne voll Figur.

In mein Gesicht reicht eine Welt herein,
die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond,
sie aber lassen kein Gefühl allein,
und alle ihre Worte sind bewohnt.

Die Dinge, die ich weither mit mir nahm,
sehn selten aus, gehalten an das Ihre –:
in ihrer großen Heimat sind sie Tiere,
hier halten sie den Atem an vor Scham.

Rainer Maria Rilke

12Okt/18

Draußen vor der Tür

Haben uns lang ignoriert und kaum noch akzeptiert
In dieser Zeit die für uns beide schwierig war
Warst so Gewalt, und ich so voller Hass
Wir kamen jahrelang überhaupt nicht klar
Ich wollte nie so sein wie du und wie du denkst
Heut merke ich immer wieder wie ähnlich ich dir bin
Zum Glück war’s damals nicht zu spät
Wir haben uns verziehen, der Wind hat sich gelegt
Das ist alles so lange her, so unendlich weit weg
Doch es fällt mir nicht schwer
Mich zu erinnern, wie’s beim letzten Mal war
Als wir uns noch sahen
Da draußen vor der Tür
Man sagt, und ich weiß jetzt dass es stimmt,
Dass es viele Freunde doch nur einen Vater gibt
Und heute wo du weit weg bist
Kann ich dich langsam so viel besser sehen
So wie jetzt habe ich dich früher nie vermisst
Schritt für Schritt komm‘ ich zu dir zurück
Das ist alles so lange vorbei
Doch die Bilder dieser Zeit, sie sind alle noch hier
Ein ganzes Jahr, ist eine halbe Ewigkeit
Und es ist Ewigkeiten her, da draußen vor der Tür
Das ist alles so lange her, so unendlich weit weg
Und ich habe kapiert
Dass ich dich nie, niemals verliere
Doch obwohl du mir bleibst, fehlst du mir sehr

Andreas Frege
Saisonfinale DTH (Laune der Natur 2018) Düsseldorf

11Okt/18

Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden,die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau.

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuern
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke