11Aug/19

Blume Schmerz

Bist allein im Leeren,
Glühst einsam, Herz,
Grüßt dich am Abgrund
Dunkle Blume Schmerz.
Reckt seine Äste
Der hohe Baum Leid,
Singt in den Zweigen
Vogel Ewigkeit.
Blume Schmerz ist schweigsam,
Findet kein Wort,
Der Baum wächst bis in die Wolken,
Und der Vogel singt immerfort.

Hermann Hesse

10Aug/19

Schwüle

Trüb verglomm der schwüle Sommertag,
Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag –
Sterne, Sterne – Abend ist es ja –
Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang!
Schilf, was flüsterst du so frech und bang?
Fern der Himmel und die Tiefe nah –
Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
Eine liebe, liebe Stimme ruft
Mich beständig aus der Wassergruft –
Weg, Gespenst, das oft ich winken sah!
Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?
Endlich, endlich durch das Dunkel bricht.
Es war Zeit! – ein schwaches Flimmerlicht.
Denn ich wußte nicht, wie mir geschah.
Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah.

Conrad Ferdinand Meyer

09Aug/19

Und das Flüstern ward Singen

Dein Herz war wund, dein Hirn war krank von all dem Weh, das du um dich sahst,
da trieb es dich hinaus.
Dorthin, wo die Menschen nicht sind: in den Wald, in die Heide,
ans Meer, auf den nackten Fels da droben über den Bergen.
Und dort sankst du zusammen.
Aber die Einsamkeit war nicht öde, sie war schön, und Schönheit lebt.
Ein Flüstern hörtest du und das Flüstern ward Singen.
Als du aufschautest, erkanntest du Züge edler Gestalten, und wußtest,
das sind die guten, frommen, großen, schöpferischen Gedanken und Gefühle der Menschheit.
Die kann nur sehen, wer tief gelitten hat. Den aber segnen sie.

Ferdinand Avenarius

08Aug/19

Helmut Klein

Daß wir erschraken, da du starbst,
nein, daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
das Bisdahin abreißend vom Seither:
das geht uns an; das einzuordnen wird
die Arbeit sein, die wir mit allem tun.
Rainer Maria Rilke

* 26.12.1951 † 07.08.2019

06Aug/19

Tagelied

Jetzt kommen wieder die Pläne, die ins Weite gehn.
Draußen rufen die Hähne:die Ferne will entstehn
nach aller dieser Nähe, die uns zusammenschloss.
Wach auf, damit ich sähe, was ich so sehr genoss.
Mir geht es noch im Blute, noch duftet das ganze Haus.
Zu was für Worten ruhte mein Mund auf deinem aus,
auf deinem guten Munde, auf deiner beruhigten Brust:
Stunde ging um Stunde, wir haben es nicht gewusst.
Nun kommen die Geräusche.
Schon rührte sich eine Tür.
Dass es dich nicht enttäusche, wache mit mir, verspür,
wie es schon weht vom Tage: da muss ich nun hinaus –
Wache zu mir und sage: Seh ich traurig aus?
Das dauert nur eine Weile, mach dir das Herz nicht schwer.
Die Nacht ist, dass man sie teile, der Tag, dass man ihn vermehr.

Rainer Maria Rilke

05Aug/19

Kloster Maulbronn

»Im Nordwesten des Landes liegt zwischen waldigen Hügeln und stillen kleinen Seen das große Zisterzienserkloster Maulbronn. Weitläufig, fest und wohl erhalten stehen die schönen alten Bauten und wären ein verlockender Wohnsitz, denn sie sind prächtig, von innen und außen, und sind in den Jahrhunderten mit ihrer ruhig schönen, grünen Umgebung edel und innig zusammengewachsen.
Wer das Kloster besuchen will, tritt durch ein malerisches, die hohe Mauer öffnendes Tor auf einen weiten und sehr stillen Platz.
Ein Brunnen läuft dort, und es stehen alte ernste Bäume da und zu beiden Seiten alte steinerne und feste Häuser und im Hintergrunde die Stirnseite der Hauptkirche mit einer spätromanischen Vorhalle, Paradies genannt, von einer graziösen, entzückenden Schönheit ohnegleichen. Auf dem mächtigen Dach der Kirche reitet ein nadelspitzes, humoristisches Türmchen, von dem man nicht begreift, wie es eine Glocke tragen soll. Der unversehrte Kreuzgang, selber ein schönes Werk, enthält als Kleinod eine köstliche Brunnenkapelle; das Herrenrefektorium mit kräftig edlem Kreuzgewölbe, weiter Oratorium, Parlatorium, Laienrefektorium, Abteiwohnung und zwei Kirchen schließen sich massig aneinander. Malerische Mauern, Erker, Tore, Gärtchen, eine Mühle, Wohnhäuser umkränzen behaglich und heiter die wuchtigen alten Bauwerke. Der weite Vorplatz liegt still und leer und spielt im Schlaf mit dem Schatten seiner Bäume; nur in der Stunde nach Mittag kommt ein flüchtiges Scheinleben über ihn.

Hermann Hesse (Unterm Rad)

04Aug/19

Hermann Hesse in Calw

Was gestern noch voll Reiz und Adel war,
Jahrundertfrucht erlesener Gedanken,
Plötzlich erblaßt’s, wird welk und Sinnes bar
Wie eine Notenschrift, aus deren Ranken
Man Kreuz und Schlüssel löschte; es entwich
Aus einem Bau der magische Schwerpunkt; lallend
Wankt auseinander und zerlüdert sich,
Was Harmonie schien, ewig widerhallend.
So kann ein altes weises Angesicht,
Das liebend wir bewundert, sich zerknittern
Und todesreif sein geistig strahlend Licht
In kläglich irrem Fältchenspiel verzittern.
So kann ein Hochgefühl in unsern Sinnen
Sich, kaum gefühlt, verfratzen zu Verdruß,
Als wohne längst schon die Erkenntnis innen,
Daß alles faulen, welken, sterben muß.
Und über diesem eklen Leichentale
Reckt dennoch schmerzvoll, aber unverderblich,
Der Geist voll Sehnsucht glühende Fanale,
Bekriegt den Tod und macht sich selbst unsterblich.

Hermann Hesse

03Aug/19

Romeo und Julia

Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

Die Lerche wars, die Tagverkünderin,
Nicht Philomele; sieh den neidschen Streif,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunstgen Höhn;
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

William Shakespeare

02Aug/19

Tübingen

Das war des Sommers schönster Tag
Nun klingt er vor dem stillen Haus
in Duft und süßem Vogelschlag
unwiederbringlich leise aus.
In dieser Stunde goldnen Born
gießt schwelgerisch in roter Pracht
der Sommer aus sein volles Horn
und feiert seine letzte Nacht.

Hermann Hesse