13Dez/19

Vorhandene Dinge

Nur in der Freude geht noch die Schöpfung vor sich.
Das Glück dagegen ist nur eine versprechliche und deutsame Konstellation schon vorhandener Dinge.
Die Freude aber ist eine wunderbare Vermehrung des schon Bestehenden – ein purer Zuwachs aus dem Nichts heraus.

Rainer Maria Rilke

12Dez/19

Sanftmut der einsamen Seele

Immer wieder kehrst du Melancholie,
O Sanftmut der einsamen Seele.
Zu Ende glüht ein goldener Tag.
Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige
Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.
Siehe! es dämmert schon.
Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches
Und es leidet ein anderes mit.
Schaudernd unter herbstlichen Sternen
Neigt sich jährlich tiefer das Haupt.

Georg Trakl

11Dez/19

Du musst das Leben nicht verstehn

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.
Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

10Dez/19

Das letzte Mal in diesem Jahr …

Die eigentümliche Weise, wie der einzelne sein vergangenes Leben betrachtet,
kann daher niemand mit ihm teilen; wie uns der Augenblick sonst nicht genügte,
so genügen um nun die Jahre nicht,
und da der Abschluß am Ende mit unsern Wünschen meistens nicht übereinstimmt,
so scheint uns der ganze Inhalt der Rechnung von keinem sonderlichen Wert:
wie denn gerade dadurch die weisesten Menschen verleitet wurden, auszusprechen,
daß alles eitel sei.

Johann Wolfgang von Goethe

09Dez/19

Rest In Peace, Marie


© BRIGANI-ART/imago images

Goodbye to you
Goodbye to broken hearts
Goodbye to romance hiding in the dark
Nights that leave a scar
Goodbye to you
Goodbye to empty cards
Goodbye to this ball of bliss
I’m dancing from your arms

And I fill the bedroom with silent visions of rain
And I paint the morning with echoes from pleasure in pain
I don’t wanna touch emotions
I just got to run away
Electric blue like oceans
Wild like lovers sway
And I seal the pillow and shatter dreams down the hall
And I hang the heartache like pictures on the wall
Can you hear the sound of angels
Playing hurting games?
Well, I’m a stranger when I’m leaving
I was a stranger when I came…

Marie Fredriksson † 09.12.2019

09Dez/19

Vulkanausbruch auf Whakaari (White Island)

Der Vulkan Whakaari ist heute gegen 14:11 Uhr Ortszeit ausgebrochen.
Auf Aufnahmen einer Beobachtungskamera war zu sehen, wie sich kurz zuvor noch eine größere Gruppe von Wanderern auf den Krater zubewegte.
Dann wird das Bild schwarz. Nach neuesten Angaben der Polizei hielten sich während des Ausbruchs 47 Menschen auf der Vulkaninsel oder in deren unmittelbarer Nähe auf.
31 von ihnen erlitten Verletzungen, meist Verbrennungen. Mehrere befinden sich nach Angaben der Behörden in einem “kritischen Zustand”.
Premierministerin Jacinda Ardern sprach von einer “verheerenden Katastrophe”. Die Insel wurde zur Todeszone erklärt und komplett gesperrt.

08Dez/19

Zweiter Advent

Ich sehn’ mich so nach einem Land der Ruhe und Geborgenheit Ich glaub’, ich hab’s einmal gekannt, als ich den Sternenhimmel weit und klar vor meinen Augen sah, unendlich großes Weltenall.
Und etwas dann mit mir geschah: Ich ahnte, spürte auf einmal, daß alles: Sterne, Berg und Tal, ob ferne Länder, fremdes Volk, sei es der Mond, sei’s Sonnnenstrahl, daß Regen, Schnee und jede Wolk, daß all das in mir drin ich find, verkleinert, einmalig und schön Ich muß gar nicht zu jedem hin, ich spür das Schwingen, spür die Tön’ ein’s jeden Dinges, nah und fern, wenn ich mich öffne und werd’ still in Ehrfurcht vor dem großen Herrn, der all dies schuf und halten will.
Ich glaube, daß war der Moment, den sicher jeder von euch kennt, in dem der Mensch zur Lieb’ bereit: Ich glaub, da ist Weihnachten nicht weit!

Hermann Hesse

04Dez/19

Die Sehnsucht trinkt

Der Abend dämmert auf. Ich bin allein.
Ach! bring mich du mit einem Hauch zur Ruh.
Ich lausche, fühle, jauchze: “Du bist mein.”
“Mit Willen dein!” haucht auch dein Herz mir zu.
Ich dürste nach schwerem rotem Wein,
Der warm und wahr die dunklen Räume sprengt.
O Liebe, schenk dich mir, o schenk dich ein!
Ich schenke mich, bis restlos ich verschenkt.
Du kommst mit Glockendreiklang: “Ich bin dein”…
Hörst du das Echo, das sich aus mir schwingt?
“Dein war ich, bin ich und dein werd ich sein!”
Getrennt und doch beglückt. Die Sehnsucht trinkt.

Paul Ernst Köhler

03Dez/19

Verstummt

Du aus den Händen der Natur,
Zu ihrem Ruhm hervorgegangene Schöne!
Jetzt singet, auf der arm gewordnen Flur,
Nicht mehr die Lerche. Jetzt verlernt die Thöne
Selbst deiner Schwester Nachtigall. Sie schweigt
In ihrem melancholischen Gehäuse;
Tief denkend sitzt sie da – so sitzet oft der Weise,
Der Menschenfreund, wenn fremde Noth ihn beugt,
Wenn drückend Elend kommt mit jung gewordnen Tagen,
Wenn durch das Vaterland die lautgestöhnten Klagen
Erschallen allgemein: Dann sitzet traurig er,
Verstummt von Schmerz, und blickt umher…

Anna Louisa Karsch