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Mittwoch, 16. August 2017

 

Regentag

Dienstag, 15. August 2017

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.
Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.
Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.
Ich aber, mein bewußtes Ich,
Beschau‘ das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Gottfried Keller

 

Sonnenblume

Montag, 14. August 2017

Die Sonnenblume möchte dich begrüßen
dieweil sie sich so gern zur Sonne wendet.
Nur steht zur Zeit sie noch zurückgewiesen;
doch du erscheinst und sie ist gleich vollendet.

Johann Wolfgang von Goethe

 

So dicht gedrängt und grau

Sonntag, 13. August 2017

Die Wolken zieh’n vorüber, So dicht gedrängt und grau,
Und trüber, immer trüber wird rings des Himmels Blau,
Und du, wie ist entflogen, dir alle Heiterkeit,
Die Seele überzogen von unnennbarem Leid!

Die Wolken strömen nieder, wie blau der Himmel scheint!
Und heiter bist du wieder!
Hast du vielleicht geweint?

Carl Johann Philipp Spitta

 

Im Sommer

Samstag, 12. August 2017

O komm mit mir aus dem Gewühl der Menge,
Aus Rauch und Qualm und tobendem Gedränge,
Zum stillen Wald,
Dort wo die Wipfel sanfte Grüße tauschen,
Und aus der Zweige sanft bewegtem Rauschen
Ein Liedchen schallt.

Dort zu dem Quell, der durch die Felsen gleitet
Und dann zum Teich die klaren Wasser breitet,
Führ ich dich hin.
In seinem Spiegel schau die stolzen Bäume
Und weiße Wolken, die wie sanfte Träume
Vorüberziehn.

Dort laß uns lauschen auf der Quelle Tropfen
Und auf der Spechte weit entferntes Klopfen,
Mit uns allein.
Dort wollen wir die laute Welt vergessen,
An unsrem Herzschlag nur die Stunden messen
Und glücklich sein!

Heinrich Seidel

 

… erprüfte Gemüter

Freitag, 11. August 2017

Es geht uns, wie ichs oft auf dem Feld gesehen habe,
daß sie zusammenrücken und aneinanderstehen,
wenn es regnet und wittert!
Je älter und stiller man in der Welt wird,
um so fester und froher hält man sich an erprüfte Gemüter.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

Thinking Back in Time

Donnerstag, 10. August 2017


Highgate Cemetery, London

 

Dauer im Wechsel (pt. 2)

Mittwoch, 09. August 2017

Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan, Mauern siehst du, siehst Paläste stets mit andern Augen an.
Weggeschwunden ist die Lippe, die im Kusse sonst genas,
Jener Fuß, der an der Klippe sich mit Gemsenfreche maß.
Jene Hand, die gern und milde sich bewegte, wohlzutun, das gegliederte Gebilde,
Alles ist ein andres nun.
Und was sich an jener Stelle nun mit deinem Namen nennt,
Kam herbei wie eine Welle, und so eilt’s zum Element.
Laß den Anfang mit dem Ende sich in eins zusammenzieh’n!
Schneller als die Gegenstände selber dich vorüberflieh’n.
Danke, daß die Gunst der Musen Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.

Johann Wolfgang von Goethe

 

Dauer im Wechsel (pt. 1)

Dienstag, 08. August 2017

Hielte diesen frühen Segen,
Ach, nur eine Stunde fest!
Aber vollen Blütenregen
Schüttelt schon der laue West.
Soll ich mich des Grünen freuen,
Dem ich Schatten erst verdankt?
Bald wird Sturm auch das zerstreuen,
Wenn es falb im Herbst geschwankt.
Willst du nach den Früchten greifen,
Eilig nimm dein Teil davon!
Diese fangen an zu reifen,
Und die andern keimen schon;
Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal,
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal.

Johann Wolfgang von Goethe

 

An den Mond

Montag, 07. August 2017


Partielle Mondfinsternis

Längst, du freundliches Nachtgestirn, ist dein Geheimnis verweht.
Erkenntnisstolz blickt der Knabe schon zu dir empor,
Denn verfallen bist du, wie alles jetzt, der Wissenschaft,
Die deine Höhen und Tiefen mißt – und wer weiß, ob du nicht endlich doch noch
Erstiegen wirst auf der Münchhausenleiter
Der Hypothesen.

Dennoch, du alter, treuer Begleiter der Erde,
Webt und wirkt dein alter Zauber fort,
Wenn du, Aug‘ und Herz erfreuend, emportauchst
Mit dem sanftschimmernden Menschenantlitz
Und seligen Frieden gießest über tagmüde Gefilde.
Noch immer, wachgeküßt von deinem Strahl, seufzt Liebe zu dir hinan –
Und immer noch, ach! besingen dich Dichter.

Ferdinand von Saar

 

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