09Nov/18

Novembermorgen

Jetzt ist es Herbst,
Die Welt ward weit,
Die Berge öffnen ihre Arme
Und reichen dir Unendlichkeit.

Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub,
Die Bäume sehen in den Staub,
Sie lauschen auf den Schritt der Zeit.
Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit.

Das Herz, das viel gewandert ist,
Das sich verjüngt mit Lust und List,
Das Herz muß gleich den Bäumen lauschen
Und Blicke mit dem Staube tauschen.
Es hat geküßt, ahnt seine Frist,
Das Laub fällt hin, das Herz vergißt.

Max Dauthendey

07Nov/18

Ende des Herbstes

Ich sehe seit einer Zeit,
Wie alles sich verwandelt.
Etwas steht auf und handelt
Und tötet und tut Leid.

Von Mal zu Mal sind all
Die Gärten nicht dieselben;
Von der gilbenden zu der gelben
Langsamem Verfall:
Wie war der Weg mir weit.

Jetzt bin ich schon bei den leeren
Und schaue durch die Alleen.
Fast bis zu den fernsten Meeren
Kann ich den ernsten schweren
Verwehrenden Himmel sehn.

Rainer Maria Rilke

06Nov/18

Land im Herbste

Die alte Heimat seh‘ ich wieder,
Gehüllt in herbstlich feuchten Duft;
Er träufelt von den Bäumen nieder,
Und weithin dämmert grau die Luft.

Und grau ragt eine Flur im Grauen,
Drauf geht ein Mann mit weitem Schritt
Und streut, ein Schatten nur zu schauen,
Ein graues Zeug, wohin er tritt.

Ist es der Geist verschollner Ahnen,
Der kaum erstrittnes Land besät,
Indeß zu Seiten seiner Bahnen
Der Speer in brauner Erde steht?

Der aus vom Kampf noch blut’gen Händen
Die Körner in die Furche wirft,
So mit dem Pflug von End‘ zu Enden
Ein jüngst vertriebnes Volk geschürft?

Nein, den Genossen meines Blutes
Erkenn‘ ich, da ich ihm genaht,
Der langsam schreitend, schweren Mutes
Die Flur bestäubt mit Aschensaat.

Die müde Scholle neu zu stärken
Läßt er den toten Staub verweh’n,
So seh‘ ich ihn in seinen Werken
Gedankenvoll und einsam geh’n.

Grau ist der Schuh an seinem Fuße,
Grau Hut und Kleid, wie Luft und Land;
Nun reicht er mir die Hand zum Gruße
Und färbt mit Asche mir die Hand.

Das alte Lied, wo ich auch bliebe,
Von Mühsal und Vergänglichkeit!
Ein wenig Freiheit, wenig Liebe,
Und um das Wie der arme Streit!

Wohl hör‘ ich grüne Halme flüstern
Und ahne froher Lenze Licht!
Wohl blinkt ein Sichelglanz im Düstern,
Doch binden wir die Garben nicht!

Wir dürfen selbst das Korn nicht messen,
Das wir gesät aus toter Hand;
Wir gehn und werden bald vergessen,
Und unsre Asche fliegt im Land!

Gottfried Keller

05Nov/18

Sage mir, was ist dein Leben, Lieber!

Sag es, Menschenkind!
Ist es nicht gleich als ein Wind,
Als ein Schiff, der See ergeben?

Schießt es nicht so schnell dahin,
Als ein Strom von Anbeginn?

Ist es nicht als Meereswellen,
Die der hart erboste Nord
Aufgereizt und jaget fort,
Wann er schrecklich pflegt zu bellen,
Als ein Nebel, den der Tag
Nun nicht mehr vertragen mag?

Schmilzt es nicht, als Schnee und Schlossen;
Als das Eis, das noch so steif;
Schwind’t es nicht, als Tau und Reif;
Wann die Wind‘ aus Süden stoßen,
Wann die Sonne Kraft erreicht,
Nacht und Frost und Kälte weicht?

Flieht es nicht, gleich als ein Schatten,
Als ein Rauch, der nicht besteht;
Als ein Dampf, der bald vergeht;
Als die bunt beblümten Matten;
Als die Blüten um den Ast,
Den der Sturm itzt angefaßt:

Als ein Gras, das vor dem Meier
Seinen Stengel niederstreckt,
Und den Boden überdeckt:
Als ein Kräutlein um den Weiher,
Welches, wann’s am schönsten grünt,
Mancher Hand zum Raube dient?

Faellt es nicht dahin als Blätter?
Fleugt es nicht als Spreu und Staub,
Die des kleinsten Windleins Raub
Bei des Herbstes schönstem Wetter?
Wird es nicht zu lauter Nichts
Als ein Strahl des Wetterlichts?

Ist wohl etwas jemals kommen
In des Menschen Sinn und Witz,
Das, gleich als der jaehe Blitz,
Seine Flucht so rasch genommen?
Doch ist unser Lebensglas
Rascher aus, als alles das.

Philipp von Zesen

05Nov/18

Wer wir geworden sind

Die Sommernacht von ihrer schönsten Seite
Lagerfeuerlicht, laute Musik
Füße tanzen barfuß auf der Wiese
Ich bin mittendrin, aber irgendwie auch nicht
Weil meine Welt sich gerade leise abseilt
Und mir die Zügel aus den Händen nimmt
Weil alles an mir in Dunkelheit abschweift
Wo ich doch nicht gern allein im Dunkeln bin
Und ich frag‘ mich wie wir geworden sind, wer wir geworden sind
Die Nacht so laut, doch in mir schweigt’s
Mit jedem ihrer Gläser fall ich ein wenig tiefer in mich rein
Wie ich geworden bin, wer ich geworden bin
Die Nacht so warm und ich so kalt
Und dann für einen Augenblick wünschte ich, dich hätt‘ es nicht gegeben, oh
Weil man am Ende nur die Liebe zulässt
Von der man glaubt, dass man sie auch verdient
Verschanze ich mich seit dir hinter Mauern
Wenn Aufrichtigkeit an mir vorüberzieht
Und ich frag‘ mich wie wir geworden sind, wer wir geworden sind
Die Nacht so laut, doch in mir schweigt’s
Mit jedem ihrer Gläser fall ich ein wenig tiefer in mich rein
Wie ich geworden bin, wer ich geworden bin
Die Nacht so warm und ich so kalt
Und dann für einen Augenblick wünschte ich, dich hätt‘ es nicht gegeben, oh denn
Du bringst Schwere in meinem Leben, oh
So viel Leere, wärst du nur nicht gewesen
Du wirfst Schatten auf mein Leben oh ho
Du legst Leere in all mein Geben
Und ich frag‘ mich wie wir geworden sind, wer wir geworden sind
Die Nacht so laut, doch in mir schweigt’s
Wie ich geworden bin, wer ich geworden bin
Die Nacht so warm und ich so kalt
Und dann für einen Augenblick wünschte ich, dich hätt‘ es nicht gegeben, oh
In meinem Leben

Charlotte Rezbach